Gegenrede gegen „Rede gegen Rede“

Betitelt mit einem Zitat von Hubert Fichte ist das Buch von Rashid al-Daif und Joachim Helfer: „Die Verschwulung der Welt. Rede gegen Rede“ zum Gegenstand einer unschönen Debatte im deutschen Feuilleton geworden. Ausschlaggebend für die Empörung scheint ein tiefgreifendes Unverständnis für den literarischen Charakter der Figur Rashid im Text des gleichnamigen libanesischen Schriftstellers zu sein, die nicht als eine satirische Überhöhung und damit Brechung der Figur des hinterwälderisch-rückständigen bis reaktionären Orientalen wahrgenommen werden will oder kann.

Ich habe das Buch selber nicht gelesen, aber ich vertraue hier zunächst einmal auf die Einschätzung dieser Kritik auf schwule-literatur.de, auch wenn ich nicht weiss was der Autor an dieser Stelle mit „islamisch geprägt“ meint, ist al-Daif doch ein Universitätslehrer christlicher Herkunft und marxistischer Prägung.

Mit einer solchen Lesart und darinliegend unserem westlichen Hang zu einer Wahrhaftigkeit – die Kommentare Helfers spiegeln es deutlich wider –, gehen wir einem islamisch geprägten Autor, so ist zumindest ist zu hoffen (denn die für diese Lesart entscheidenden ironische Brechungen sind kaum auszumachen), ganz gehörig auf den Leim. […]
Al-Daif übertreibt, er überhöht abschließend die Erlebnisse zu einem Höhepunkt wie für eine vorabendliche Soap Opera, […] feiert die Bekehrung des schwulen Kollegen zur vermeintlichen Heterosexualität schlussendlich, wie Helfer zurechtrückt, in einer von der Realität weit entfernten Hochzeitsfeierlichkeit, denn ganz unerwartet hat der Homosexuelle die richtige Frau fürs Leben gefunden und mit ihr, durch die Mehrfachversuche schon fast demonstrativ, ein Kind gezeugt.

Ähnlich sieht es Michael Kleeberg in der taz, jedoch geht er einen Schritt weiter und glaubt kein Missverständnis, sondern eine gewollte, böswillige Fehlinterpretation als Ursache ausgemacht zu haben.

Daif macht daraus ein kleines Kabinettstück von Erzählung, das sich dramaturgisch bis zum komisch übertriebenen Höhepunkt steigert: der von Rashid zu Joachims heterosexueller Rettung organisierten „Hochzeitsfeier“ mit allen nur erdenklichen Kitschbeigaben. Ironisch und pseudonaiv gibt Daif hier anhand des „Falls“ Helfer vor allem viel Interessantes über die Männer- und Geschlechterrollen in arabischen Gesellschaften preis. […]
wenn Daif den homosexuellen Libertin mit all dem (gespielten) Befremden eines europäischen Naturforschers des 19. Jahrhunderts angesichts absonderlicher Beduinenriten beschreibt, dann ist das eine herrlich ironische Umkehr der real existierenden westlichen Definitionshoheit über die arabische Kultur. […]
Mir wird aus Helfers Einwürfen nicht klar, ob er Daif nicht verstanden hat oder nicht verstehen wollte, ob er wirklich so gar keinen Humor besitzt, so gar kein Gespür für Daifs Ton, oder ob er ihn bewusst missversteht, um ihn umso besser richten zu können.[…]
Stattdessen lobt und tadelt er ihn vom hohen Ross westdeutsch linken, toleranten, multikulturellen Gutmenschentums herab, antifaschistisch und pazifistisch, freiheitsliebend aber alles verstehend, in einer – er möge mir verzeihen – kolonialistisch begütigenden Herablassung, was letztlich ein bezeichnenderes Licht auf deutsche Intellektuelle wirft als auf libanesische Romanciers. Und auch wenn jeder vernünftige Mensch die einzelnen Punkte dieses Tugendkatalogs unterschreiben müsste, empfindet der Leser ihre selbstgerechte Ballung hier als Zumutung und Erpressung. […]
Die Ironie in Daifs Text, bewusst oder unbewusst ignorierend, lässt Helfer ihn als archaischen arabischen Popanz dastehen. Ist er tatsächlich taub für Daifs Spiel, dann ist das Ganze ein tragisches Missverständnis; wenn nicht, ist es perfide. In der Schlüsselszene, auf die ich anspiele, spricht er seinem Kollegen im Vergleich mit seinem jüdischen Lebensgefährten die Würde ab und insinuiert anlässlich eines Besuchs im Jüdischen Museum einen Antisemitismus Daifs, den er mit einer scheinbar entschuldigenden Volte – nämlich Daifs angeblicher Unwissenheit über den Holocaust – als nur noch unentschuldbarer darstellt.
Wenn jemand wie Helfer so etwas schreibt, muss man davon ausgehen, dass er weiß, was er tut: nämlich den anderen, der in diesem Falle nicht nur Rashid al-Daif ist, sondern der arabische Intellektuelle schlechthin, in Deutschland zu verleumden. Das finde ich verwerflich. Und keine gekränkte Eitelkeit, kein noch so verständlicher Groll gegen die Auswalzung des eigenen Intimlebens rechtfertigt eine solche Diffamierung.

Nun könnte man Kleeberg vorwerfen, dass er hier zu weit geht, jede Kritik an reaktionären Geschlechterbildern und Homophobie oder gar am Antisemitismus gleich als quasi rassistisch abzustempeln. Liest man dann aber eine Kritik wie die von Tilman Krause in der Welt unter dem Titel Haarsträubende Schwulenklischees, wird die Perspektive wieder zurechtgerückt.

Der sogenannte west-östliche Diwan gehört von Grund auf aufgemöbelt, wenn er sich als Ort des Miteinanders bewähren soll – und zwar von östlicher Seite.
Die haarsträubenden Schwulenklischees, die der Libanese al-Daif in diesem Buch (re)produziert, mögen noch der Putzigkeit eines arabischen Hinterwäldlerdaseins gutgeschrieben werden. Schlimmer steht es mit der Halsstarrigkeit, die al-Daif an den Tag gelegt hat, indem er, zweimal vom Männerpaar nach Hause eingeladen, mit Hinweis auf die Abwesenheit einer „Hausfrau“, sich jedes Mal standhaft weigerte, auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen.
Während hier noch unklar bleibt, ob es am Schwulen oder am Jüdischen liegt, welches mit Helfers Lebenspartner ins Spiel kommt, dass der Gast um die Reinheit von Leib und Seele fürchtet, wird beim Besuch im Jüdischen Museum und den lauthals artikulierten Zweifeln am Holocaust und seinen sechs Millionen Opfern endgültig und unumstößlich offenbar: Hier lebt jemand, auch wenn er vor dem Hintergrund seiner Stammeskultur als „westlich“ gelten darf, derart einbetoniert in Vorurteilen und Geschichtslügen, dass der Dialog mit ihm nur eines sein kann: elementare Aufklärung und geduldiges Einwirken wie auf ein kleines Kind. Natürlich muss auch ein solcher Dialog sein. Aber die ihn führen, sollten sich frei machen von allen Illusionen und ihre Frustrationsgrenzen höher ansetzen als alle Vernunft.

Ich wusste zunächst nicht, wie ich diese blatante Arschigkeit von Krause interpretieren sollte, ob er jetzt ernsthaft von „Hinterwäldlerdasein“ und „Stammeskultur“ spricht oder nur die literarisch die Rolle des arroganten, überheblichen Kulturalisten einnimmt um dem westlichen Intelektuellen den Spiegel des eigenen Rassismus vorzuhalten. Aber ein Artikel auf queer.de zeigt dass wenigstens in diesem Fall eben doch alles so ist, wie es scheint.


3 Antworten auf “Gegenrede gegen „Rede gegen Rede“”


  1. Gravatar Icon 1 perry 22. Januar 2007 um 21:04 Uhr

    Tja, ich hab mir das Buch zwar gekauft, kann mich aber nicht dazu aufraffen, es zu lesen! Wer jedoch allein den Text von Rashid al-Daif, ohne die Kommentare von Joachim Helfer, lesen möchte, kann das auch in diesem PDF, das der Suhrkampf-Verlag freundlicherweise auf seiner Website zur Verfügung gestellt hat.

  2. Gravatar Icon 2 Thomas 12. Februar 2007 um 4:11 Uhr

    Tja, schade nur, dass diese „postmoderne“ Sichtweise, die ekligste Homophobie und Holocaustleugnung in Schutz nimmt, wenn sie nur aus dem „richtigen“ Kulturkreis kommen, auch wieder ein westliches Konstrukt ist.
    So ein Mist
    schon wieder ist
    man Kolonialist!

  3. Gravatar Icon 3 kdxcfr yvzsdrual 19. Februar 2007 um 14:03 Uhr

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