Anorexie als gesellschaftliches Symptom

Der Spiegel berichtet über eine Studie, wonach homo- und bisexuelle Männer verstärkt zu Essstörungen wie Magersucht und Bulimie neigten:

Das Risiko scheint drei Mal so groß zu sein: Mehr als 15 Prozent der für eine Studie befragten homosexuellen und bisexuellen Männer litten schon einmal an Magersucht, Brechsucht oder Fresssucht („binge eating“), berichten New Yorker Forscher. Nur fünf Prozent betrage dieser Anteil bei heterosexuellen Männern.

Als mögliche Ursache wurde zunächst ein ähnlicher Mechanismus angenommen, der auch bei Frauen das erhöhte Risiko von Anorexie erkläre — die rigide Unterwerfung unter ein ästhetisches Ideal, das Männer all denen abverlangen, die sie zu ihren potentiellen Sexualobjekten erküren:

„Eine Theorie ist, dass Normen und Werte in der Schwulen-Community eine körperzentrierte Sichtweise und hohe Erwartungen an die physische Erscheinung begünstigen.“ Ebenso wie schon über heterosexuelle Frauen theoretisiert worden war, könnten auch homo- oder bisexuelle Männer entsprechend größerem Erwartungsdruck an ihr Äußeres ausgesetzt sein, erklärte der Mediziner.

Allerdings indizieren die Ergebnisse der Studie, dass bei schwulen und bisexuellen Männern auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen könnten:

In ihrer weiteren Auswertung fanden Meyer und Feldman auch heraus: So einfach ist die Erklärung nicht. Die Teilnehmer wurden befragt, wie stark sie sich in der Community engagierten oder ob sie etwa in ausgewiesenen Fitnessstudios für Homosexuelle trainierten. Beides hielten die Forscher für Hinweise auf eine mögliche größere Körperfixierung — sie fanden aber keinen Zusammenhang. „Dann muss es wohl an anderen Faktoren als den Normen und Werten der Community liegen, dass diese Männer höhere Essstörungsraten haben“, sagte Meyer. Weitere Forschung zum Zusammenhang von sexueller Orientierung und möglicherweise krankhaftem Ernährungsverhalten sei nötig.

Interessant ist das Thema allemal. Nicht nur im Hinblick auf eine antilookistische Kritik, ;) sondern möglicherweise auch für die Frage, wie sich Homophobie in die Psyche derjenigen einschreibt, die von dieser Gesellschaft in eine homosexuelle Rolle hineinsozialisiert werden. Anorexie-Studien könnten darüber ebenso Auskunft geben, wie dies seit Jahrzehnten Umfragen über das Suizidverhalten tun.