Katholische Pfaffen auf dem Rückzug

Noch vor einem halben Jahrzehnt galt Brasilien als das Land mit der höchsten Mordrate an Homosexuellen und Transvestiten. Die Morde (allein 150 im Jahr 1999) wurden hauptsächlich durch rechtsextreme Todesschwadronen verübt, einem Erbe der Militärdiktatur, die 1965 mit Unterstützung der USA an die Macht gelangt war. Doch seit dem Amtsantritt des Linkspräsidenten Inácio Lula da Silva hat sich der Wind gedreht. Seitdem ist Brasilien das aktivste Land der Welt, wenn es um die Bekämpfung von Homophobie geht. Das bekommt nun auch die katholische Kirche zu spüren, die sich in Brasilien für verfolgt hält, weil sie nicht mehr offen gegen Lesben und Schwule hetzen darf. kath.net, ein katholisches Nachrichtenportal aus Österreich, ist über diese Entwicklung ernsthaft schockiert und fürchtet:

In Zukunft könnte alles kriminalisiert werden, was als Verurteilung der Homosexualität gewertet werden könnte.

Also auch die Position der Kirche selbst, wie die Website messerscharf schließt. Am meisten empört sie daher, dass in Brasilien, anders als in vielen westlichen Ländern, die Religionsfreiheit nicht mehr als Freifahrtschein für Homophobie gewertet wird:

Auch für den religiösen Bereich soll es keine Ausnahmen geben. […] Laut „Zenit“ könnten Priester, die sich negativ zur Homosexualität äußern, mit bis zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt werden. Priesterseminaren könnte es nicht mehr erlaubt sein, Kandidaten aufgrund ihrer sexuellen Orientierung abzulehnen. Manche Stimmen bezeichnen den Gesetzesvorschlag als religiöse Diskriminierung.

Das sind doch mal gute Nachrichten, an deren Wahrheitsgehalt man allerdings ruhig zweifeln darf, stammen sie doch aus der Feder der katholischen Propagandamaschine, die sich schon immer als Opfer der Aufklärung zu präsentieren wusste. Und so wird mal wieder die Verschwörungstheorie von der „mächtigen Homosexuellen-Lobby“ aus dem Hut gezaubert, denn anders als durch finstere Machenschaften können sich Pfaffen diese kompromisslos progressive Politik nicht mehr erklären:

In Brasilien ist die Homosexuellen-Lobby äußerst stark. Seit 2005 können Homosexuelle Kinder adoptieren. Brasilianische Botschafter setzten sich auch in der „Organisation Amerikanischer Staaten“ dafür ein, die sexuelle Orientierung als ein „unabdingbares Recht“ mit vollem Schutz in den Menschenrechten zu verankern.

Etwas, gegen das der Vatikan zusammen mit der Islamischen Konferenz seit Jahren diplomatisch ankämpft. Doch zumindest in Brasilien ist die katholische Vorherrschaft bis auf weiteres zerbrochen. Und man kann nur hoffen, dass dies, nach dem Ende der US-Hegemonie, zum Vorbild für ganz Lateinamerika wird.


8 Antworten auf “Katholische Pfaffen auf dem Rückzug”


  1. Gravatar Icon 1 araa 22. April 2007 um 9:44 Uhr

    >> Und man kann nur hoffen, dass dies, nach dem Ende der US-Hegemonie, zum Vorbild für ganz Lateinamerika wird.

    Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Bzw. warum ist das eine Bedingung für das andere?

  2. Gravatar Icon 2 perry 22. April 2007 um 10:09 Uhr

    Weil die USA den sozialen Fortschritt in Lateinamerika durch die Bekämpfung des Sozialismus und die Förderung von Rechtsdiktaturen jahrzehntelang aufgehalten haben. Logisch, oder?

  3. Gravatar Icon 3 araa 22. April 2007 um 12:40 Uhr

    Ja, total logisch.

  4. Gravatar Icon 4 bikepunk 089 22. April 2007 um 14:10 Uhr

    Das mit der Förderung von Rechtsdiktaturen ist definitv ein Punkt. Ich würde auch soweit gehen, dass auch das klima in den linken regimes durch eine gewisse Belagerungsmentalität geprägt ist, auch bedingt durch die US. Und Belagerungsmentalität und Militarisierung bringen immer auch eine verschärfung von patriachalen zuständen und rollenzuschreibungen mit sich.

    Es wäre aber verkehrt, die Hoffnungen auf die diversen linken Regierungen zu setzen: das Beispiel venezuela zeigt, dass sich zumindest eine feministische Bewegung eher auf die eigene Stärke verlassen kann, als auf Companero Hugo.
    (siehe letzte iz3w dazu)

  5. Gravatar Icon 5 perry 22. April 2007 um 14:55 Uhr

    Du solltest nicht so viele antideutsche Magazine lesen. Der Amtsantritt von Hugov Chávez hat auch in Venezuela einen riesigen Emanzipationsschub für Lesben und Schwule bedeutet, auch wenn die katholische Kirche dort die Aufnahme von sexueller Orientierung in den Antidiskriminierungskatalog der Verfassung erfolgreich verhindern konnte — etwas, das Chávez übrigens mittlerweile bedauert. Die Teilnahme am CSD in Caracas ist, gefördert von der Chávez-Regierung, in den letzten Jahren von 100 auf 20.000 Personen angestiegen.

    Wenn du sagst, die Lesben- und Schwulenbewegung müsste sich auf ihre eigene Stärke verlassen, dann halte ich das für absolut irreal. Denn diese Stärke ist nicht einmal in Ansätzen vorhanden. Die Lesben- und Schwulenbewegung ist kein relevanter Akteur, und ich finde das Konzept identitärer Bewegungen ohnehin daneben. Nein, das, was sich als erfolgreich erwiesen hat, sei es in Südafrika, in Brasilien oder in Venezuela, ist es, innerhalb progressiver Bewegungen ein Bewusstsein für die Bedeutung von Homophobie zu schaffen. Ein „Befreiungssubjekt“ ist dafür nicht notwendig.

  6. Gravatar Icon 6 bikepunk 089 23. April 2007 um 7:39 Uhr

    Soo antideutsch ist die iz3w auch wieder nicht. Das mit dem emanzipationsschub seit chavez amtsantritt wusste ich nicht Der artikel auf den ich mich bezogen hatte meint explizit klassiche frauenpolitische forderungen – legalisierte abtreibungen, strafbarkeit von vergewaltigung in der ehe. Ich hätte davon analog auf forderungen von schwulen und lesben geschlossen, bezüglich wie viel oder wenig der staat dazu beiträgt die umzusetzen. Der analogieschluss war wohl falsch, nach dem was du schreibst.

  7. Gravatar Icon 7 perry 23. April 2007 um 8:58 Uhr

    [quote comment=“377″]Soo antideutsch ist die iz3w auch wieder nicht.[/quote]

    Ist das so wie mit „ein bisschen schwanger“?

  1. 1 Fortschritt vs. Rückschritt | f*cking queers Pingback am 11. Juni 2007 um 1:06 Uhr
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