Gallup: Muslime skeptischer gegen Gewalt, aber sexuell konservativer

Vor etwa einer Woche wurden die britischen Teilergebnisse einer europaweiten Umfrage des Gallup-Instituts veröffentlicht, die offenbar zum Ziel hatte, die Einstellungen von Muslimen mit denen der Gesamtbevölkerung zu vergleichen. Im Großen und Ganzen widerlegen die Zahlen das Feindbild, an dem Islamophobe jahrelang gestrickt haben, bestätigen aber auch einige Klischees hinsichtlich des sexuellen Konservatismus, der Muslimen häufig — und offenbar nicht ganz zu unrecht — unterstellt wird.

Zunächst konnte Gallup feststellen, dass sich Londons Muslime zu etwa 69% stark mit ihrem Glauben und zu 57% stark mit der britischen Nation identifizieren. Damit sind sie patriotischer als der Rest der Bevölkerung, von der sich nur 48% in hohem Maße mit Britannien identifizieren. Die Religion gar spielt für nur 36% aller Briten eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Dagegen gibt es bei der Verurteilung von Selbstmordattentaten keine Unterschiede. Muslime (81%) finden sogar noch häufiger als Nicht-Muslime (72%) „keinerlei moralische Rechtfertigung für die Anwendung von Gewalt“, selbst dann nicht, wenn sie einer „noblen Sache“ dient.

Überraschend ist auch, dass Muslime den politischen Institutionen wesentlich positiver gegenüber stehen als Nicht-Muslime. Sie zeigen mehr Vertrauen in die lokale Polizei (78% vs. 69%), die Redlichkeit der Wahlen (73% vs. 60%), die nationale Regierung (64% vs. 36%) und das Rechtssystem (67% vs 55%). Ethnische Segregation wird von ihnen stärker abgelehnt als von den übrigen Briten. Nur 25% würden es bevorzugen, in einer Gegend zu leben, die hauptsächlich von Angehörigen ihrer ethnischen Gruppe oder Religionszugehörigkeit bewohnt wird. Bei Nicht-Muslimen sind es dagegen 35%. Während 45% der Briten glauben, dass Muslime nicht integriert seien, sagen diese in überwältigender Mehrheit (74%) von sich selbst, dass sie sich durchaus integriert fühlten.

Besonders krass ist der Kontrast, wenn es um den gegenseitigen Respekt geht: Während Muslime 10 Mal häufiger positive als negative Ansichten über Christen äußern, ist die allgemeine Öffentlichkeit in der Mitte gespalten, wenn es darum geht, diese Hochachtung zu erwidern. Das spiegelt sich auch in den Medien wider, die über die Gallup-Studie berichten. Einige fokussieren allein auf die Themen, die Londons Muslime von der allgemeinen Öffentlichkeit unterscheiden, nämlich vor allem ihren sexuellen Konservatismus. Sex außerhalb der Ehe (11% vs. 82%), homosexuelle Handlungen (4% vs. 66%), Abtreibung (10% vs. 58%) und das Betrachten von Pornographie (4% vs. 29%) werden nur von einer kleinen Minderheit der Muslime für moralisch akzeptabel gehalten. Allerdings lehnen sie Gewalthandlungen gegen diejenigen, die diesen Kodex übertreten, genauso häufig ab wie Nicht-Muslime: Ehrenmorde (3% vs. 1%) und Eifersuchtsmorde (3% vs. 2%) werden hier wie dort von kaum einer Person gebilligt. Und was staatliche Morde — sprich die Durchführung der Todesstrafe — angeht, so sind Muslime zumindest wesentlich skeptischer eingestellt als andere. Nur 31% halten dies für moralisch legitim. In der allgemeinen britischen Öffentlichkeit sind es hingegen ganze 43%, die in ihrer autoritären Strafsucht meinen, dieses mittelalterliche Recht, das bereits vor Jahrzehnten abgeschafft wurde, noch immer verteidigen zu müssen.

muslims on homosexuality
Gallup: Berliner Muslime sind die liberalsten, wenn es um Sex geht,
obwohl ihnen Religion genauso wichtig ist wie den Muslimen in London

2 Antworten auf “Gallup: Muslime skeptischer gegen Gewalt, aber sexuell konservativer”


  1. Gravatar Icon 1 leftqueers 21. Januar 2008 um 10:33 Uhr

    Finde ich gut, diese Studie, widerlegt sie doch eindeutig die These von der „Islamisierung Europas“, wobei letzterer Wortschwall schon fast so wie die von Hitler und Goebbels prophezeite „Jüdisch-bolschwistische Weltverschwörung“ klingt.

    Jedenfalls finde ich derlei Studien sehr gut, denn sie führen definitiv solch Leutz wie die schreiberlinge vor, die bei queer.de oder PI oder „eigentümlich frei“ ihren islamophoben, rassistischen scheiss ablassen.

    Macht weiter so!
    Ich tu es auch.

    MfG L.

  1. 1 Lysis Trackback am 30. April 2007 um 5:40 Uhr
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