Lesben und Schwule in Nicaragua

Die durch den US-Imperialismus verursachte Niederlage der sandinistischen Revolution brachte auch für Lesben und Schwule in Nicaragua eine Reihe von empfindlichen Einschnitten. Zwar hatten die Sandinisten mit Rücksicht auf die katholische Kirche nicht gewagt, die Rechte von Homosexuellen offiziell auf ihre Agenda zu setzen, aber immerhin waren Lesben und Schwule in der FSLN integriert und bekleideten zahlreiche prominente Positionen. 1989, am zehnten Jahrestag der Revolution, organisierten Aktivist_innen einen Marsch durch die Straßen Managuas und riefen damit die erste lesbisch-schwule Bewegung Nicaraguas ins Leben. Zusammen mit der Frauenbewegung gelang es, zahlreiche Community Centers zu errichten. Doch die tolerante Haltung des Staates nahm ein jähes Ende mit dem von den USA herbeigeführten Wahlsieg der konservativ-neoliberalen Opposition. Bereits zwei Jahre nach ihrer Machtübernahme sorgte sie im Parlament für ein Totalverbot homosexueller Handlungen — den bis heute existierenden Artikel 204:

Diese Bestimmung, ursprünglich verfasst als eine Vorlage, die Frauen vor Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch schützen sollte, wurde von den Christsozialen in der Legislative zu einem harschen Gesetz verändert, das eine Strafe von bis zu drei Jahren Gefängnis vorsieht für „jeden, der Sex zwischen Personen des gleichen Geschlechts in skandalöser Weise herbeiführt, befördert, propagiert oder praktiziert“.

Barrios de Chamorros enger Vertrauter Kardinal Miguel Obando y Bravo, der führende römisch-katholische Amtsinhaber in Nicaragua, predigte für das Gesetz und erklärte, dass „jeder vernünftige Christ“ mit ihm „übereinstimmen muss“.

Nicaraguanische Aktivisten und ihre Verbündeten demonstrierten zuhause ebenso wie vor den Botschaften im Ausland, aber der Präsident unterzeichnete das Gesetz im Juli 1992. Eine Verfassungsklage wurde eingereicht, doch der Oberste Gerichtshof Nicaraguas bestätigte das Gesetz im Jahr 1994, und obwohl es selten angewandt wird, bleibt es weiterhin in Kraft.

Zur selben Zeit unternahm der Bürgermeister von Managua, Arnoldo Alemán — der Barrios de Chamorro 1996 als Präsident ablöste —, Anstrengungen, die Hauptstadt „aufzuräumen“. Er sperrte die Tore der verfallenen Kathedrale, die eine beliebte schwule Cruising-Gegend gewesen war, und erlaubte der Polizei, schwule Männer in den städtischen Parks zu schikanieren.

Aber natürlich ist es, wenn man queer.de und diversen neokonservativen Bloggern glauben darf, die sozialistische Linke, die für die antischwule Repression in Nicaragua verantwortlich zeichnet. Propaganda kennt eben keine Hemmungen …

Gay Pride in Managua, 1. Juli 2006


1 Antwort auf “Lesben und Schwule in Nicaragua”


  1. 1 Nach Machtantritt: Sandinisten legalisieren Homo-Sex | f*cking queers Pingback am 02. Januar 2008 um 14:05 Uhr
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