Kranke Psychoanalyse

Ché fragte vor einem halben Monat, warum sich schwule Linke so distanziert gegen die Psychoanalyse verhielten. Die Frage andersherum gestellt scheint mir mehr Sinn zu machen:

Es ist mit seltener Eindeutigkeit festzustellen, daß der Einfluß der Psychologie [auf die Bilder von Schwulen, Lesben und Bisexuellen] in der Vergangenheit, mindestens bis in die 70er Jahre hinein, ein fast ausschließlich negativer war. Am besten illustrieren läßt sich dies am Beispiel der Psychoanalyse – zur Entlastung aller anderen psychologischen Strömungen, die dadurch meist erst gar nicht in die Schußlinie geraten. Das christliche Dogma »Homosexualität ist eine Sünde« wurde von der Psychoanalyse ersetzt durch eine nicht minder abwertende Pathologisierung: Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse und vielleicht sogar der gesamten Psychologie, genialer Denker und großer Theorieentwickler, konzipierte Homosexualität als eine psychische Krankheit. Demnach werden zwar alle Menschen mit der Anlage zur Bisexualität geboren, doch die normale psychosexuelle Entwicklung, die mit der Geburt beginnt und sich in aufeinander aufbauenden Phasen vollzieht, resultiert in erwachsener Heterosexualität. Fehlprozesse bei der Identifikation mit den Eltern während bestimmter Entwicklungsphasen können nach dieser Theorie zu Homosexualität führen. So bewirke die Abwesenheit des Vaters und die Dominanz der Mutter, daß ein Junge den Sprung zur Identifikation mit dem Vater nicht schafft, mit der Mutter identifiziert bleibt und daher schwul wird. […]

Freuds Phasenlehre, so wenig Anerkennung sie in der wissenschaftlichen Psychologie findet, ist in einem Ausmaße wie nur wenige andere psychologische Theorien in die Gesellschaft, in das Allgemeinwissen diffundiert, und sie begegnet vielen jungen Lesben und Schwulen noch immer. Wenn Eltern angesichts des Coming-out ihrer Kinder entsetzt reagieren und sich fragen: »Was habe ich nur falsch gemacht?«, so resultiert das aus ihrem psychoanalytischen Allgemeinwissen. Wenn Eltern im Gegensatz dazu recht gelassen auf das Coming-out reagieren, in der Überzeugung, daß homosexuelle Gefühle »nur eine Phase« in der Pubertät auf dem Weg zu erwachsener Heterosexualität seien, so zeichnet ebenfalls die Psychoanalyse verantwortlich. […]

In einer Umfrage von Rauchfleisch bei verschiedenen tiefenpsychologischen Ausbildungsinstituten (Psychoanalyse, Jung, Adler und Szondi-Institute) im deutschsprachigen Raum geben nur 6 der 35 antwortenden Einrichtungen an, lesbische Kandidatinnen und schwule Kandidaten zur Ausbildung zuzulassen. Ein Institut erklärte offen seine Ablehnung, die anderen signalisierten ihre ablehnende Tendenz durch ein „ja, aber…“. Größtenteils gibt es weder offen diskriminierende noch offen egalitäre Richtlinien dieser Institute. Die Praxis ist jedoch diskriminierend, wenn potentielle AusbildungskandidatInnen offen schwul oder lesbisch auftreten. Vielen gelingt jedoch problemlos der Weg durch die Ausbildung, wenn sie ihre sexuelle Orientierung zunächst verheimlichen. Und dies, obwohl die »reine Lehre« es verbietet, Schwule oder Lesben als reife, erwachsene Persönlichkeiten aus der Analyse zu entlassen: Schwule oder Lesben können per definitionem in diesem Theoriesystem keine reifen Persönlichkeiten sein, weil Heterosexualität ein bestimmendes Merkmal der erwachsenen Persönlichkeit ist. Daß eine mehrjährige Psychoanalyse aus Homosexuellen Heterosexuelle macht, glauben jedoch auch die AnalytikerInnen selbst nicht mehr: „… wir, d. h. wir Psychoanalytiker und alle anderen, seien sie nun Fachleute oder sonst etwas, verstehen Homosexualität nicht“.

Und noch einen weiteren Artikel zum Thema:

Homosexuelle sind krank. Das scheint die Auffassung deutschsprachiger Psychoanalytischer Institute zu sein, die sich schwer tun mit Schwulen und Lesben in der Zunft. In der Regel werden Homosexuelle, aus mehr oder weniger offensichtlichen Gründen, nicht zur Psychoanalyseausbildung zugelassen. Nur wenigen gelingt es, an liberaleren Instituten, zum Beispiel in Frankfurt oder München, unterzukommen. Die Berufsdiskriminierung in diesem Sektor ist ein offenes Geheimnis, und sie hat einen einfachen Grund: Die Psychoanalyse kann kranke Homosexuelle erklären, gesunde nicht.

„Seit 1973 ist Homosexualität aus dem Internationalen Verzeichnis der Krankheiten (ICD) gestrichen, es gibt nach klinischen Kriterien gesunde Schwule und Lesben – doch der Psychoanalyse fehlt eine entsprechende Theorie dazu“, konstatiert die promovierte Germanistin, Fernsehjournalistin und angehende Psychoanalytikerin Stephanie Castendyk. Sie skizziert, wie eine solche Theorie für die weibliche Homosexualität aussehen könnte.

Psychoanalytische Erklärungen der Homosexualität sind seit Freud nicht gerade liberaler geworden. Auch neuere Ansätze zu weiblicher Homosexualität können, so Castendyk, nicht recht überzeugen, weil sie entweder die frühe Mutter-Tochter-Beziehung über Gebühr erotisieren oder Homosexualität immer noch im Raum einer sehr frühen, also gravierenden, Störung ansetzen.

Für mich ist die Psychoanalyse ja einfach nur Scharlatanerie!


12 Antworten auf “Kranke Psychoanalyse”


  1. Gravatar Icon 1 che2001 24. August 2007 um 9:15 Uhr

    Und Totem und Tabu, Das Unbehagen in der Kultur, das Konzept des Unbewussten, die Traumdeutung, das dialektische Persönlichkeitsmodell mit Ich, ES und Über-Ich ist dann auch Scharlatanerie? Mit einer solch pauschalen Argumentation könntest Du auch Marx in die Tonne kloppen (wie Neoliberale es z.T. machen), weil sich bei ihm antisemitische Äußerungen finden oder (wie ich es bei einer Bauch-Feministin erlebt habe) weil er eine Hausangestellte vergewaltigt hat.

    Wenn Eltern angesichts des Coming-out ihrer Kinder entsetzt reagieren und sich fragen: »Was habe ich nur falsch gemacht?«, so resultiert das aus einer mindestens seit der Zeit des Thomas von Aquin allgemein verbreiteten Ächtung von Homosexualität, die in dieser Gesellschaft fest verwurzelt ist. Wer hat denn noch Ahnung von Freud? Dessen Kenntnis würde ich als eher esoterische Angelegenheit betrachten, in dieser Gesellschaft so relevant wie die Kenntnis von Freud, Weber oder Einstein -ein Intellektuellen-Diskurs ohne jede Relevanz für Otto Normal. Man könnte das ja mal umgekehrt bürsten und die Wichtigkeit von Chirurgie- oder Bauingenieurs-Lehrbüchern für die Gesamtgesellschaft behaupten.

    Das sagt jetzt jemand, der der Psychoanalyse die Wiederherstellung seiner geistigen Gesundheit zu verdanken hat, allerdings von Vornherein mit der Vorstellung aufgewachsen ist, die sog. polymorph-perverse Persönlichkeit sei ein anzustrebendes Ideal und Homosexualität eine von vielen auswählbaren Varianten im Laden der sexuellen Möglichkeiten.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 24. August 2007 um 15:10 Uhr

    [quote comment=“2396″]Und Totem und Tabu, Das Unbehagen in der Kultur, das Konzept des Unbewussten, die Traumdeutung, das dialektische Persönlichkeitsmodell mit Ich, ES und Über-Ich ist dann auch Scharlatanerie?[/quote]
    Ja, komisch, einige Sachen von Freud finde ich sogar ganz OK, zum Beispiel die Schreber-Analyse oder die Analyse von Margarete Csonka („Über die Psychogenese eines Falles weiblicher Homosexualität“). Das sind hermeneutisch interessante Fallstücke, die sich unabhängig von jeder Theorie noch heute progressiv und mit Gewinn lesen lassen. Die von dir aufgezählten Werke und Konzepte gehören aber für mich nicht dazu: Totem und Tabu ist schlicht falsch, wenn man es mit heutigen ethnologischen Erkenntnissen vergleicht; Das Unbehagen in der Kultur mit seiner Behauptung, Kultur basiere auf Triebunterdrückung (wofür Freud als abstrusen Beleg angibt, man müsse zur Zähmung des Feuers darauf verzichten, seine [homosexuelle] Begierde am Auspinkeln der Flamme zu stillen) — ist urtümlicher Quatsch, der auf der Fiktion einer triebenthemmten Urgesellschaft gründet. Die Traumdeutung ist ebenfalls schon oft genug auseinandergenommen worden, z.B. von Foucault, der sie auf höchst erhellende Weise mit der umgekehrten Blickrichtung im antiken Traumbuch des Artemidor vergleicht. Und das Persönlichkeitsmodell von ES, Ich und Über-Ich ist nun wirklich ein heuristisches Modell, an das man glauben muss, weil es dafür keine schlüssige Herleitung gibt. Wesentlich überzeigender ist hier das sozialpsychologische Modell von I, Me und Self, das George Herbert Mead entwickelt hat und das auf wackelige Annahmen wie der Existenz dunkler Triebe im Unbewussten völlig verzichtet.

    Aber ich hab sowieso vor, hier noch einige Texte über Psychoanalyse zu posten. Das sollte lediglich der Anfang sein.

    Mit einer solch pauschalen Argumentation könntest Du auch Marx in die Tonne kloppen (wie Neoliberale es z.T. machen), weil sich bei ihm antisemitische Äußerungen finden oder (wie ich es bei einer Bauch-Feministin erlebt habe) weil er eine Hausangestellte vergewaltigt hat.

    Der Vergleich ist ja wohl blanker Unsinn, weil solche privaten Äußerungen oder Handlungen überhaupt nichts mit Marx‘ theoretischem Werk zu tun haben. (Im Übrigen ist Schwängern nicht gleich Vergewaltigen!)

  3. Gravatar Icon 3 che2001 24. August 2007 um 15:47 Uhr

    Dazu muss ich jetzt sagen, dass ich die Psychoanalyse einerseits als therapeutische Praxis erlebt habe, der ich persönlich sehr viel zu verdanken habe, andererseits ihre Rezeption durch etliche Filter wahrgenommen habe, nämlich in der Diskussion über Fromm, Marcuse, Reich und Leary. Das Unbehagen in der Kultur und Totem und Tabu sollte ich vielleicht mal wieder lesen, aus dem zeitlichen Abstand heraus nehme ich das dann vielleicht auch anders wahr (an das Beispiel mit dem auspissen kann ich mich zum Beispiel überhaupt nicht erinnern).Bei Deiner Textserie wirst Du mit mir einen interessierten Leser haben.

    btw. nicht ich habe behauptet, Marx hätte Helene Demuth vergewaltigt, sondern besagte frühere Genossin. Bekomme ich eigentlich noch eine Antwort auf meine Mail?

  4. Gravatar Icon 4 lysis 24. August 2007 um 18:44 Uhr

    [quote comment=“2404″]Dazu muss ich jetzt sagen, dass ich die Psychoanalyse einerseits als therapeutische Praxis erlebt habe, der ich persönlich sehr viel zu verdanken habe[/quote]
    Ja, aber da hättest du irgendeine Therapiemethode nehmen können, die helfen nämlich alle. Die Wirkung einer talking cure ist nicht davon abhängig, welches theoretische Konzept der Therapeut verfolgt. Und wenn, dann gehen solche Vergleiche meistens zu Lasten der Psychoanalyse aus, weswegen die Krankenkassen sich mehr und mehr weigern, diesen Ansatz zu finanzieren.

    [quote]Bekomme ich eigentlich noch eine Antwort auf meine Mail?[/quote]
    Ah, sorry, ich lass das immer liegen, weil ich eine tierische Abneigung gegen das Medium E-Mail habe.

  5. Gravatar Icon 5 jaja 24. August 2007 um 20:11 Uhr

    „Ja, aber da hättest du irgendeine Therapiemethode nehmen können, die helfen nämlich alle.“

    Also bitte, da lehnst Du Dich aber ganz schön weit aus dem Fenster. Manche helfen nämlich nicht nur nicht, sondern sind sogar extrem schädlich. Die einzigen Therapiemethoden, bei denen überhaupt irgendein Nutzen feststellbar ist, sind die Verhaltenstherapie und die Psychoanalyse, wobei letztere als weniger effizient gilt.

  6. Gravatar Icon 6 bigmouth 24. August 2007 um 21:33 Uhr

    lysis: hast du zugriff auf die englischsprachige literatur zur kritik? da muss in den 80ern viel veröffentlicht worden sein, ich bin da leider bei mri an der uni nich drangekommen – oder hab falsch gesucht

  7. Gravatar Icon 7 lysis 24. August 2007 um 21:43 Uhr

    ähm nee, bigmouth, ich hab mich da nicht so eingelesen.

  8. Gravatar Icon 8 jaja 24. August 2007 um 21:58 Uhr

    Zu den gefährlichen Therapien ein Literaturtipp: Colin Goldner – Die Psycho-Szene

  9. Gravatar Icon 9 che2001 26. August 2007 um 10:29 Uhr

    Was die E-Mail angeht: Ich würde mit Dir gerne ein paar Dinge besprechen, die nicht von Dritten gelesen werden sollen.

  10. Gravatar Icon 10 abdel kader 27. August 2007 um 20:50 Uhr

    [quote comment=“2396″]Und Totem und Tabu, Das Unbehagen in der Kultur, das Konzept des Unbewussten, die Traumdeutung, das dialektische Persönlichkeitsmodell mit Ich, ES und Über-Ich ist dann auch Scharlatanerie?[/quote]

    Totem und Tabu (Minizusammenfassung auf Wikipedia) würde ich als Scharlatanerie schlechthin bezeichnen.
    Oder was findest du an dem Buch gut?
    Bei Wikipedia steht z.B.:

    Weiterhin vergleicht Freud die Erlebnisinhalte von Naturvölkern und unseren Urahnen mit der seelischen Geisteswelt von modernen Menschen, speziell von Kindern, und Neurotikern.

    Davon abgesehen, dass Aussagen über die Urgesellschaft fast immer spekulativ sind, ist nichts hanebüchener als die Behauptung „Erlebnisinhalte“ von Steinzeitmenschen zu kennen.Ebenso die These vom Vatermord der Urhorde, die sich angeblich noch auf heutige Schuldkomplexe auswirken soll.

    Totem und Tabu ist höchstens noch zur Erheiterung zu gebrauchen:

    Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von Ferenczi haben wir ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist meines Wissens noch nicht ausgeführt worden.

    Oder als Anregung für antideutsche Obskuranten. Aussagen wie:


    Im Moment der Geburt eines Menschen – vermutlich auch schon praenatal – wird ihr/sein Naturwesen durch Interaktion mit anderen Menschen sozial-gesellschaftlich geformt.

    sind bestimmt durch Freudlektüre inspiriert:

    O. Rank verdanke ich die Mitteilung eines Falles von Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung, wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (S. 167) erwähnte Totemtheorie der Arunta anklingt. Er meinte, von seinem Vater erfahren zu haben, daß seine Mutter wahrend der Schwangerschaft mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei.

  11. Gravatar Icon 11 Der Skeptiker 02. Februar 2012 um 15:22 Uhr

    Freud, hat die Gardinen der Seele zurückgezogen.Und das schon vor 100 Jahren. Er war ein Kind seiner Zeit und konnte daher nicht so analysieren und schreiben, dass es heutigen Psychologen in den Kram passt..Die Menschen verdanken ihm viel !
    Übrigens, im Sinne der Diskussion: Der Autor Volker Elis Pilgrim hat einige interessante Bücher geschrieben: z.B. „Der Untergang des Mannes“ oder „Vatersöhne“ oder „Muttersöhne“.
    Interessanterweise geht er davon aus, dass alle Männer zumindest latent homosexuell sind (Hieraus speist sich die Energie der patriarchalischen Ordnung). Pilgrim ist Mitte der 1970er freiwillig zur manifesten Homosexualität übergegangen.Über seine Motive hat er meines Wissens nie etwas geschrieben (?)

  1. 1 Traditionelle Chinesische Psychiatrie | Reich und Schön Pingback am 24. August 2007 um 19:12 Uhr
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