Das letzte Relikt

Die Psychoanalyse ist das letzte Relikt einer untergegangenen Epoche der Humanforschung, der Ära der Rassenhygiene, der biologistischen Sexualwissenschaft und deterministischen Geschlechtsnormierung mit dem Ziel der „Volksaufartung“.

Aus: Florian Mildenberger, „Freudsche Fehltritte“.


11 Antworten auf “Das letzte Relikt”


  1. Gravatar Icon 1 che2001 24. September 2007 um 21:18 Uhr

    Und Freud ist seit bald 70 jahren tot, heutige Analytiker kombinieren problemlos psychoanalytische Traumdeutung und klassische Psychoanalyse mit katathymem Bilderleben, Bioenergetik, Feldenkrais-Therapie, klientenzentrierter Gesprächstherapie und Verhaltenstherapie, rein pragmatisch nach den Bedürfnissen des Patienten. ich halte auch das Phasenmodell der Persönlichkeitsentwicklung mit oraler, analer und (beim Jungen) ödipaler Phase für durchaus plausibel, ohne dass daraus zwingend ein Homosexualität diskriminierendes Menschenbild abgeleitet werden muss – AnalytikerInnen, mit denen ich mich unterhalten habe, sagen ganz locker, nun, in dem Punkt mit der Homosexualität als nicht aufgearbeiteter analaer Phase hat Freud sich eben fundamental geirrt, dadurch würde das Phasenmodell als Grundstruktur nicht in Frage gestellt. Das orthodoxe Menschenbild der Psychoanalyse streng nach Freud vertritt die Psychoanalyse selber nicht mehr, jedenfalls nicht in ihrer Gesamtheit. Du kämpfst gegen einen Feind an, den es nicht mehr gibt!

  2. Gravatar Icon 2 che2001 24. September 2007 um 22:14 Uhr

    Freud ist seit bald 70 Jahren tot.
    Moderne PsychoanalytikerInnen integrieren problemlos Gesprächspsychotherapie, katathymes Bilderleben, Feldenkrais und Verhaltenstherapie in ihre Behandlungsmethodik, ganz pragmatisch, wie es dem Patienten nützt. Auch das Phasenmodell der Kindheitsentwicklung mir oraler, analer und (bei Jungen) ödipaler Phase halte ich für sehr sinnvoll, ohne dass daraus notwendigerweise eine Diskriminierung von Homosexualität als falsch verarbeiteter analer Phase folgen muss. „In diesem Punkt hat sich Freud halt ganz fundamental geirrt“ sagen PsychoanalytikerInnen, die ich kenne, ganz locker. Die dogmatische Psychoanalyse, wie sie sich zu Freuds Zeiten darstellte, gibt es in dieser Form nicht mehr, zumindest wird sie von der Zunft nicht mehr geschlossen vertreten. Du bekämpfst einen Feind, den es nicht mehr gibt, und übersiehst einen anderen. In der battele of minds in der Psychologie kämpfen nicht die bösen dogmatischen homophoben Psychoanalyxtiker gegen die vorurteilsfreien aufgeklärten Verhaltenspsychologen, sondern es versuchen einerseits Neurophysiologen und Soziobiologen jedes menschliche Verhalten als hormonell gesteuert und genetisch determinierte Form der Arterhaltung darzustellen und damit die gesamte bisherige Psycvhologie über den Haufen zu schmeißen, und zum anderen gibt es Verhaltenspsychologen in der Tradition Eysencks, der exspliziz zur Neuen Rechten gehört, die bestreiten, dass Traumatisierung psychische Erkrankungen auslöst und damit nicht nur die Psychoanalyse aushebeln wollen, sondern die vorstellung, dass auch nur irgend einen Zusammenhang zwischen Erkrankung und Gesellschaft gibt, und Konditionierungstherapien in Pawlow´schen und Skinner´schen Traditionen anbieten. Das ist im Augenblick die Konfrontationslinie, und das ist sie schon seit 20 Jahren.

  3. Gravatar Icon 3 bigmouth 25. September 2007 um 1:19 Uhr

    das ändert nichts daran, dass psychoanalyse theoretisch bankrott ist und nich viel hergibt aus ganz grundlegenden erwägungen. einfach mal adolf grünbaum lesen…

  4. Gravatar Icon 4 che2001 25. September 2007 um 7:22 Uhr

    „das letzte Relikt einer untergegangenen Epoche der Humanforschung, der Ära der Rassenhygiene..“ zu schreiben hinsichtlich der Psychoanalyse ist aber absurd, wenn in der Hirnforschung und Verhaltenspsychologie Vertreter der Erblichkeit von Intelligenz und genetischen Determinierung von Verhalten, die z.T. in direkten Lehrer-Schüler-Kontinuitäten aus der Rassenhygiene wurzeln, gegen Psychoanalayse, alle pädagogischen Modelle, die Chancengleichheit zum Ausgangspunkt haben, und alle verhaltenspsychologischen Modelle, die Milieuprägung beinhalten en bloc vorgehen, psychogenetics rules.

  5. Gravatar Icon 5 Miss Taken Identity 25. September 2007 um 9:30 Uhr

    @che2001:
    Ich denke aber zwische PA und der Humanforschung/Rassenhygiene vor 100 Jahren und der aktuellen Hirnforschung, Soziobiologie usw. gibt es genügend Unterschiede die es erlauben die PA als Relikt zu bezeichnen und die Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen „Humanforschung“ auf einem anderen Feld zu führen.

  6. Gravatar Icon 6 che2001 25. September 2007 um 10:15 Uhr

    Leute wie Kerrin Christiansen oder Hans Eysenck, Murray Hernnstein usw. argumentieren aber in einer Traditionslinie, die tatsächlich in der Rassenhygiene unmittelbar wurzelt

  7. Gravatar Icon 7 alkohol 25. September 2007 um 11:29 Uhr

    Freud sieht psychisch Kranke in einem Konflikt zwischen ihren Bedürfnissen und den Anforderungen der Gesellschaft. Da naturalisiert er nicht – oder zumindest nicht immer. Als blöder Reaktionär schlägt er sich dann aber auf die Seite der Gesellschaft und nimmt für deren Erhalt psychisches Leiden gern in Kauf.

  8. Gravatar Icon 8 bigmouth 25. September 2007 um 12:08 Uhr

    auf die beziehen sich aber in der radikalen oder akademischen linken kaum (oder gar keine) leute, auf die psychoanalyse oft höchst unkritisch dafür viele. deshalb arbeitet sich lysis daran ab, denke ich.

  9. Gravatar Icon 9 bigmouth 25. September 2007 um 12:29 Uhr

    ich hab heute nacht auch etwas übertrieben: grünbaum hält elemente der psychoanalyse tatsächlich für richtig – auch pseudowissenschaft kann richtige erkenntnisse produzieren. grünbaum ist ein sehr fairer und nüchterner autor, ganz anders als popper, den er scharf kritisiert. ich empfehle den wirklich zu lesen.

  10. Gravatar Icon 10 che2001 25. September 2007 um 15:01 Uhr

    Dann lese ich den bei Gelegenheit. Die von mir gemeinten Diskurse finden nicht in der radikalen Linken, sondern in der Psychologie und Humanmedizin statt, und diese Diskurse dürften in ihren Konsequenzen weit folgenschwerer sein, als das, was unsereins untereinander so diskutiert.

  11. Gravatar Icon 11 che2001 28. September 2007 um 9:48 Uhr

    Nebenbei habe ich Linke erlebt, die mit Dawkins argumentierend sagten, Konzepte von Gleichheit und Indeterminismus seien biologisch konterkariert, man müsste nur Diskriminierungen bekämpfen, die willkürlich gesetzt sind, aber Marx´sche oder sonstige Vorstellungen von einer Gleichheit menschlicher Chancen bei Gleichheit der gesellschaftlichen Voraussetzungen seien durch genetische Determiniertheit widerlegt. Und aus feministischen Zusammenhängen kenne ich ganz massiv biologistische Argumentationen, da ist Butler ja in der Minderheitsposition, wenn überhaupt bekannt.

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