Replik auf Samuel Laster

Der Chefredakteur der Online-Zeitung „Die Jüdische“ hat freund­licherweise meine Kritik an den verfehlten Angriffen auf Joseph Massad, einen palästinensisch-amerikanischen Autor und Professor an der New Yorker Columbia-Universität, einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, wenngleich seine Intention wohl eher darin bestanden haben dürfte, mich zurechtzuweisen. Schon im ersten Absatz zeiht Samuel Laster mich der „haarspalterischen Auslegung“, wo es doch dem von mir angegriffenen Journalisten Karl Pfeifer nur um eine sachliche Ausein­andersetzung ging, als er Massad vorwarf, „gegen die Menschen­rechte von Homosexuellen in der arabischen Welt“ zu sein. Ich dagegen erkannte darin nichts als billige Polemik, die von einer augenscheinlichen Überforderung durch Massads Text zeugt.

Kurz zur Erinnerung: Massad hatte in einem Artikel aus dem Jahr 2002, der sich auch in seinem neuen Buch Desiring Arabs wiederfindet, kritisiert, dass ein Konglomerat internationaler Lesben- und Schwulenorganisationen „zu Diskursen über Homosexuelle anreizt, wo vorher keine existierten“ und damit eine Menschensortierung vorantreibt, deren Endeffekt nicht etwa die von ihr erhoffte „Schaffung eines queeren Planeten, sondern die eines Hetero-Planeten“ sein würde.

Laster nimmt Pfeifer nun in Schutz, denn sein Thema sei „nicht irgendeine postmoderne Theorie“ gewesen, „sondern die gängige Praxis in einigen islamischen Staaten, Homosexuelle einzukerkern, zu foltern und gelegentlich auch hinzurichten oder ohne Urteil zu ermorden“. Nun, Pfeifers Thema war durchaus die Skandalisierung einer Theorie, welche im Einklang mit den meisten ForscherInnen im Bereich der gay & lesbian studies bezweifelt, dass es in jeder Gesellschaft so etwas wie eine spezialisierte „homosexuelle Rolle“ gibt. Die Existenz von „Homo­sexuellen“ ist in dieser Sichtweise keine Selbstverständlichkeit, ja noch nicht einmal etwas sonderlich Emanzipatorisches, da sie auf einer vorgängigen Heterosexualisierung in der Lebenswelt der Mehrheit fußt. Erst wenn es nicht mehr möglich ist, gleichgeschlechtliche Liebe und Lust im Rahmen alltäglicher Sozialbeziehungen zu leben, entsteht der Bedarf nach einer aus der Gesellschaft ausgesonderten Subkultur und einer mit ihr korrespondierenden Identitätsform: der Vorstellung, „Schwuler“ oder „Lesbe“, kurz: ein anders gearteter Mensch zu sein.

Diese These bezeichnet Samuel Laster als „postmodernes Geschwätz“, gar auf dem gleichen Niveau wie die Behauptung, „die Erde wäre flach“. Argumente dafür liefert Laster freilich keine und so bleibt es inhärent schwierig, sich mit seinem Artikel auseinanderzusetzen, der doch nichts aufbietet als das Evidenzerlebnis desjenigen, der die Welt in den herrschenden Kategorien wahrnimmt und die Vorstellung, dass es auch anders sein könnte (und einige Tausend Kilometer entfernt vielleicht auch anders ist), rigoros aus seinem Bewusstsein verbannt.

Stattdessen werden Ressentiments aufgerufen: gegen die Postmoderne, obwohl die fragliche These gar nicht von postmodernen Denkern, sondern von der im angelsächsischen Denken beheimateten britischen Soziologin Mary McIntosh stammt; gegen „Dekonstruktion und ‚gender-studies‘“, obschon beide für die Formulierung dieser These nicht die geringste Rolle spielten und es auch heute noch nicht tun. Aber Samuel Lasters Holzerei bedarf eben der Klischees.

Um sich trotzdem mit geistiger Autorität zu wappnen, zitiert Laster einen Artikel aus der amerikanischen Postille „The New Republic“, die Professor Massad ähnlich wie Pfeifer an den Karren zu fahren versucht, indem sie den erklärten Islamismus-Gegner mit dem fundamentalistischen Präsidenten des Iran, Mahmud Ahmadinedschad, in einen Topf wirft. Auch dieser hat die Existenz von „Homosexuellen“ in seinem Land geleugnet, aber wohl kaum, um wie Massad gleichgeschlechtliche Liebe als eine universelle Möglichkeit menschlicher Erfahrung hervorzuheben, sondern weil er glaubt, sich so den kritischen Fragen entziehen zu können, die den repressiven Umgang seines Staates mit den Praktikanten gleich­geschlechtlicher Lust betreffen.

Dass Massad in seinem Buch über mehrere Kapitel hinweg den modernen Sexualitätsdiskurs der Islamisten und arabischen Nationalisten einer systematischen Kritik unterzieht, wird von Laster und Pfeifer, die Massads Buch gar nicht kennen, ebenso ignoriert wie von James Kirchick, dem Anschwärzer aus „The New Republic“. Tatsächlich schreibt Massad zu diesem Thema:

Ein puritanischer Islamismus (und zeitweise säkularer Konservatismus), der den größten Teil seines Puritanismus westlichem Christentum und westlichem Konservatismus entlehnt, hat eine unbeabsichtigte Allianz mit der sich auf einem Kreuzzug befindenden Schwulen Internationalen gebildet, was die Identifizierung von Menschen angeht, die bestimmte Formen von Sex praktizieren. Die Schwule Inter­nationale und die Islamisten stimmen darin überein, dass solche Praktikanten identifiziert werden müssen. Worin sie sich uneinig sind, ist, ob sie identifiziert, mit Rechten versehen und dem Schutz des Staates unterstellt werden sollten, wie es die Schwule Internationale fordert, oder identifiziert, unterdrückt und der Bestrafung des Staates unterworfen, wie die Islamisten und andere Konservative verlangen. In der Geschichte westlicher Homosexualität haben, wie Michel Foucault bemerkte, die Machtdiskurse, welche „Homo­sexualität“ produzierten und kontrollierten, „die Konstitution eines Gegen-Diskurses ermöglicht: die Homosexualität hat begonnen, von sich selber zu sprechen, auf ihre Recht­mäßigkeit oder auf ihre ‚Natürlichkeit‘ zu pochen – und dies häufig in dem Vokabular und in den Kategorien, mit denen sie medizinisch disqualifiziert wurde“. Wie wir in diesem Kapitel gesehen haben, hat sich ein ähnlicher Vorgang in der arabischen Welt wiederholt, als Islamisten eben genau das Vokabular und die Klassifikationen der Schwulen Interna­tionale übernahmen, um genau dieselbe ‚Schwulheit‘ zu dis­qualifizieren, welche die Schwule Internationale zu legitimieren versucht hatte. Den Staat zur Arena zu machen, wo sexuelle Praktiken in Identitäten tranformiert werden, war in der Tat das Novum, das die letzten beiden Jahrzehnte befördert haben. In einem Kontext, in dem der Staat der Verstärker von gesellschaftlicher Repression im Allgemeinen gewesen ist, ist der islamistische Ruf mit einer solchen Rolle konsistent. Ironisch ist nur, dass der Staat von der Schwulen Inter­nationale angerufen wurde, die Befreiung von Repression sucht, aber sie als das befreiende Organ sieht.

Auch wenn man die Einforderung von Menschenrechten weniger skeptisch betrachtet als Joseph Massad, der in ihnen den Widerspruch gewahrt, dass ausgerechnet die Institution, welche Repression ausübt, dazu aufgerufen wird, die Rechte von Menschen zu gewährleisten, bleibt doch immerhin folgende Frage bemerkenswert: Warum werden die Menschen­rechte in dieser Debatte starrköpfig an die Pflicht zur Übernahme einer westlichen Homo-Identität geknüpft? Aus welchen Gründen muss man sich erst als „Schwuler“ konstituieren, um in den Augen westlicher Menschenrechtsorganisationen so etwas wie sexuelle Selbstbestimmung für sich reklamieren zu dürfen? Gelten Personen, wie die beiden in Maschhad gehängten Jugendlichen Ayaz Marhoni und Mahmud Asgari, nur dann als menschenrechtsfähige Subjekte, wenn man sie vorher als „Homosexuelle“ deklariert hat?

Ayaz und Mahmud sahen sich nicht als „Homosexuelle“. Sie verteidigten sich damit, dass alle Jungen in ihrer Nachbarschaft Sex miteinander hätten. Woher nehmen westliche Presseorgane das Recht, ihre Verteidigungsstrategie zu unterlaufen und sie zu Vertretern einer aus ihrer Umgebung herauszupräparierenden Sonderspezies zu machen?

Tatsächlich hat die von Joseph Massad aufgeworfene Frage, ob es legitim sei, Teenager wie Ayaz und Mahmud als „Homosexuelle“ zu präsentieren und ihnen damit eine „Andersartigkeit“ zu unterstellen, die die beiden für sich selbst vehement bestritten haben, überhaupt nichts damit zu tun, wie man zu den Menschenrechten im Iran steht. Insofern kann ich den Vorwurf von Samuel Laster, dass ich namens des „Watchblogs Isla­mophobie“ versuchte, „von Menschenrechtsverletzungen abzulen­ken“, nur prompt zurückgeben: Indem Laster die Frage dahin verschiebt, ob Ayaz und Mahmud nun „Homos“ waren oder nicht, verzichtet er darauf, über sexuelle Selbstbestimmung überhaupt noch reden zu wollen.

Den Jungen stattdessen abzuverlangen, dass sie sich öffentlich als „Abartige“ präsentieren sollen, damit man international ihr Recht auf „Anderssein“ einklagen darf, ist infam. Nicht nur vermischt es die Frage universeller Menschenrechte mit dem Anspruch von Leuten wie Laster auf kulturelle Definitionsmacht. Es hilft auch dabei, die Jungen noch einmal posthum aus ihrer Gesellschaft auszugrenzen, so wie das schon die Mullahs versuchten, als sie die beiden mit brutaler Gewalt herausgriffen, um an ihnen ein für alle sichtbares „Exempel“ zu statuieren. Mit dem Ziel, die Strafbarkeit von einverständlichem Sex zu unterminieren, hat die Identifizierung von Menschen als „Homos“ jedenfalls nichts zu tun. Vielmehr artikuliert sich darin — und das ist der Punkt von Joseph Massad — nur das Begehren, die eigenen Sortierungsleistungen für die gesamte Welt verbindlich zu machen, damit sie auch in westlichen Gesellschaften nicht mehr in Frage gestellt werden müssen.

Denn so borniert, den sozialwissenschaftlichen Konstruktivismus einfach nur als „postmodernes Geschwätz“ abzutun, wie das Samuel Laster tut, ist nicht einmal James Kirchick, auf den sich Laster beruft. Freimütig schreibt Kirchick:

Es ist wahr, dass das gegenwärtige Verständnis von „schwuler Identität“ ein relativ neues Konzept ist, das von westlichen Denkern während der letzten hundert Jahren geformt wurde.

Es ist also wahr, nur dass Kirchick dieses Konzept als so fortschrittlich und „befreiend“ auffasst, dass nach ihm die ganze Welt zu modeln sei. Also fährt er fort:

Das heißt aber nicht, wie Massad behauptet, dass die schwule Identität inhärent westlich sei. Die wachsende Akzeptanz der Homosexualität als eine annehmbare Lebensform ist das Resultat des westlichen Liberalismus, das gilt jedoch auf für die Gleichberechtigung der Frauen. Nur weil diese Rechte ihren Ursprung im Westen haben, bedeutet das nicht, dass Schwule rund um den Erdball nicht nach ihnen streben oder sie verdienen würden. Aber das ist die Logik des Joseph Massad.

Wieder verwischt Kirchick die Frage nach „Rechten“ mit der nach der Konstitution von lesbisch-schwulen Subjekten. Er legt nahe, dass man nach einer homosexuellen Identität streben müsse, um überhaupt in den Besitz von Rechten zu gelangen. Doch das ist weder logisch noch historisch plausibel: logisch nicht, weil es keine speziellen Rechte für Homosexuelle gibt, die man reklamieren könnte; historisch nicht, weil die Abschaffung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen nicht von lesbisch-schwulen Identitätsbewegungen angestoßen wurde, sondern von der Diskussion um „sexuelle Selbstbestimmung“ und die Streichung „opferloser Straftaten“ (wie zuerst im Code Napoléon von 1810).

Schwule Identitäten sind das Produkt eines Normierungsprozesses, der zur Abspaltung gleichgeschlechtlicher Liebe aus der Mehrheitsgesellschaft und ihrer Neuformierung im Rahmen metropolitaner Subkulturen führte. Für die Mehrheit der auf dem Lande lebenden Weltbevölkerung ist eine Wiederholung dieses westlichen Ausscheidungsvorgangs weder wün­schenswert noch überhaupt lebbar. Daher geht es, anders als Kirchick suggeriert, gar nicht um die Frage, ob schwule Identität „inhärent westlich“ sei oder nicht, sondern ob sie, wie die Gleichberechtigung von Frauen, emanzipatorische Effekte zeitigt. Sehen die Effekte allerdings so aus, wie es eine Studie des Hamburger Instituts für Sexualforschung nahelegt, wonach der Anteil männlicher Jugendlicher mit gleich­geschlechtlichen sexuellen Erfahrungen in der BRD allein zwischen 1970 und 1990 von 18 auf zwei Prozent gefallen ist, dann sollte man doch alles unternehmen, um anderen diese brutale Sortierungsgewalt zu ersparen. Ja, es gibt etwas im Iran, das zu retten sich lohnte — sowohl gegen die Mullahs als auch gegen James Kirchick und Samuel Laster. Und das ist die Jugenderfahrung des linken Exiliraners Ali Mahdjoubi:

Im Volksmund der Iraner ist es nichts Außergewöhnliches, wenn zwei Männer sich “lieben” oder ineinander verliebt sind. Das ruft keinen Argwohn oder Verdacht hervor, wird eher mit Verständnis zur Kenntnis genommen. Es wäre eine reizvolle Aufgabe, alle Begriffe aus dem Wortschatz sowohl der gehobenen als auch der Umgangssprache des Landes zusammenzufassen, die eine mann-männliche Beziehung und die verschiedenen Liebes- und Verliebtheitszustände unter den Männern beschreiben. […]

In meiner kinderreichen Nachbarschaft und in der Schule, zwölf Jahre lang nur mit männlichen Schülern, gab es meines Wissens niemanden, der ohne homosexuelle Erfahrungen gewesen wäre. Als ewiger Klassensprecher und Vertrauens­person vieler sage ich das guten Gewissens mit der Bitte, dies nicht als den verspäteten Versuch zu verstehen, diese sehr unterschiedlichen Jungs zu outen. Was ich damit sagen und zeigen will, ist die Selbstverständlichkeit dieser Kontakte und Erfahrungen, mindestens in bestimmten Altersgruppen. […]

Im Grund genommen war es in der Schule oder der Nachbarschaft kein Geheimnis, wer wann mit wem Sex hatte. Ausgiebig erzählte man untereinander von den eigenen Erlebnissen. In der Regel waren häufig feste Beziehungen oder besser gesagt Freundschaften in Schulklassen, in der Nachbarschaft oder innerhalb bestimmter Spielkamerad­schaften zu beobachten, die aber wenig mit dem üblichen Verständnis von Treue zu tun hatten. Wollte man mit einem Jungen Sex haben, den man persönlich nicht kannte oder den man sich nicht anzusprechen traute, gab es dann immer welche, die eine Zusammenkunft arrangieren konnten, mit Geschick verkuppelten und sogar die beiden Glücklichen in den Ruinen der alten Burg mitten in der Stadt vor möglichen Störungen schützten.

Es ist diese Lebenswelt, die von den Mullahs unter Beschuss genommen wird, und es ist diese Lebenswelt, die es zu verteidigen gilt, nicht die westlichen Vorstellungen einer essentialistischen „Schwulen“-Identität.


19 Antworten auf “Replik auf Samuel Laster”


  1. Gravatar Icon 1 Sascha 06. April 2008 um 0:06 Uhr

    Thema verfehlt:

    Was Jungs und Männer, die mit Jungs und Männern Sex haben oder sie lieben, von Heterosexuellen, die selbstverständlich ebenso Opfer von Gewalt und Diskriminierung sein können, nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch in allen anderen Gesellschaften unterscheidet, ist dass sie eben wegen ihrer Sexualität diskriminiert, unterdrückt und in extremen Fällen sogar hingerichtet werden. Die gesellschaftliche Sanktionierung und Diskriminierung von Homosexualität ist also ganz sicher keine „Erfindung“, sondern traurige Realität. Daher ist es unmöglich, die gesellschaftlichen Zustände jemals effektiv zu verändern, wenn man sich nicht seines „Andersseins“ in diesem Punkt (der für die meisten Betroffenen auch relativ bedeutsam ist) bewusst ist. Die real existierenden Unterschiede in der sexuellen Orientierung von Menschen zu leugnen, ist das genaue Gegenteil von wirklicher Gleichberechtigung und von einer neuen Kultur des Respekts, die alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit als gleichwertig anerkennt. Es geht nicht darum, Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Menschen zu vertuschen und ihnen nur ein Leben im Verborgenen zuzubilligen, sondern sie ihre sexuelle Orientierung, und ja: Identität, ebenso offen, uneingeschränkt und selbstbewusst leben zu lassen, wie heterosexuelle Menschen dies auch ganz selbstverständlich tun. Dass letzteres in vielen arabischen Gesellschaften ebenfalls nicht immer westlichen Vorstellungen entspricht, ändert nichts daran, dass junge Männer, deren homosexuelle Orientierung offensichtlich wird, deswegen hingerichtet werden, während dies bei Männern, die Frauen heiraten und mit diesen Sex haben, ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Das ist der bedeutende Unterschied, den wir hier nicht unter den Teppich kehren sollten. Diskriminierung und Unterdrückung kann man nicht beseitigen, wenn man das Objekt der Diskriminierung (eben Homosexualität) nicht offen und mit klarem Bezug anspricht. Denn das Ziel sollte doch wohl klar sein: Jungs und Männer, die Männer lieben und nicht Frauen, müssen überall in der Welt das Recht haben, dies ebenso offen und (selbst)bewusst zu tun wie Heterosexuelle auch. Und das erreicht man ganz gewiss nicht, indem man die real existierenden Unterschiede in der sexuellen Orientierung und Identität von Menschen totschweigt oder als unbedeutend diffamiert.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 06. April 2008 um 4:11 Uhr

    Thema verfehlt

    Das geb ich dir mal prompt zurück!

    Was Jungs und Männer, die mit Jungs und Männern Sex haben oder sie lieben, von Heterosexuellen, die selbstverständlich ebenso Opfer von Gewalt und Diskriminierung sein können, nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch in allen anderen Gesellschaften unterscheidet, ist dass sie eben wegen ihrer Sexualität diskriminiert, unterdrückt und in extremen Fällen sogar hingerichtet werden.

    Du meinst also allen Ernstes, dass die Praktikanten gleichgeschlechtlicher Liebe und Lust „in allen Gesellschaften“ diskriminiert und unterdrückt werden? Hat man sich das als eine Art Naturgesetz vorzustellen?

    Die gesellschaftliche Sanktionierung und Diskriminierung von Homosexualität ist also ganz sicher keine “Erfindung”, sondern traurige Realität.

    Das hat doch überhaupt niemand bestritten, dass die Sanktionierung und Diskriminierung von „Homosexualität“ eine traurige Realität ist. Es ging um die soziale Konstruktion „des Homosexuellen“, nicht um die Konstruktion von Homosexuellenverfolgung. Insofern versteh ich deinen Einwand nicht.

    Daher ist es unmöglich, die gesellschaftlichen Zustände jemals effektiv zu verändern, wenn man sich nicht seines “Andersseins” in diesem Punkt (der für die meisten Betroffenen auch relativ bedeutsam ist) bewusst ist.

    Erstens setzt dieses Gefühl von „Anderssein“ ja bereits die Hegemonie einer bestimmten Form von Normalität voraus. Dass diese — ich nenn sie mal: Heteronormalität — schon immer existiert hätte und immer existieren wird, ist allerdings eine Sache, die Konstruktivisten vehement und mit guten, auch empirischen Gründen bestreiten. Aber darauf lässt du dich leider überhaupt nicht ein.

    Zweitens sehe ich nicht, warum das Bewusstsein von Andersheit Voraussetzung sein soll, um die gesellschaftlichen Zustände „effektiv zu ändern“. Die Geschichte der Entkriminalisierung von „Homosexualität“ in Europa spricht da meines Erachtens klar dagegen. Als die napoleonische Gesetzgebung diesen Straftatbestand 1810 ersatzlos strich, war das Argument ja nicht, dass „Schwule“ ein Recht auf Anderssein hätten, sondern dass der Staat seine Nase nicht in die Privatsphäre seiner Bürger stecken dürfe, wenn es sich doch um Dinge handelt, bei denen niemand Schaden an seinen Rechten erleidet. Auch bei der Reform des berüchtigten Paragraphen 175, der einverständliche sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, spielte die „Artung“ von Homosexuellen nicht die geringste Rolle. Ausschlaggebend war vielmehr die Umstellung von einem Sexualstrafrecht, dass „Vergehen gegen die Sittlichkeit“ verfolgte, zu einem Strafrecht, dass das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schützen sollte.

    Im Grunde genommen war die Hirschfeldsche Schwulenbewegung mit ihrer Strategie, „Homosexuelle“ als Menschen anderer Art darzustellen, die ganze Zeit auf dem Holzweg und hat die Reform des Strafrechts mit ihrer grundverkehrten Argumentation eher noch aufgehalten als sie effektiv voranzutreiben. Jemand, der das schon sehr früh erkannte, war der ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts formulierte er eine sehr hellsichtige Kritik an Karl-Heinrich Ulrichs, den man gleichsam als den „ersten Schwulenaktivisten der Weltgeschichte“ bezeichnen könnte. Kertbeny schrieb:

    Besonders aber der Nachweisz des Angeborenseins führt gar nicht zum Ziele, am wenigsten rasch, und ist überdies ein gefährlich zweischneidig Messer, so hochinteressant antrophologisch das Naturräthsel auch sein mag. Denn die Legislative frägt den Teufel nach dem Angeborensein eines Triebes, sondern nur nach dessen persönlicher oder socialer Schädlichkeit, nach dessen Verhältnisz zur Gesellschaft. Es giebt auch Leute mit angebornem Blutdurst, mit Pyromanie, Schwangere mit all möglichen Gelüsten, Personen mit Monomanien, u.s.w. Man läszt diese aber doch nicht unverwehrt ihr Wesen treiben, ihrem Triebe folgen, und wenn man sie auch, wird diese Anlage ärztlich erwiesen, nicht für absichtliche Thaten straft, so isolirt man sie doch möglichst, und behüthet die Gesellschaft vor ihren Excessen. Es wäre also nicht das Geringste gewonnen, gelänge der Beweis des Angeborenseins auch bis zur unzweifelhaftesten Evidenz. Es musz den Gegnern vielmehr bewisen werden, dasz, gerade nach den von ihnen aufgestellten Rechtsbegriffen, sie dieser Trieb ganz und gar nichts angehe, ob er nun angeboren oder willkürlich sei, da der Staat in nichts die Nase zu stecken hat, was ihrer Zwei, gegenseitig freiwillig, unter Ausschlusz der Oeffentlichkeit, im Alter über 14, und ohne Verletzung der Rechte Dritter, an sich gegenseitig ausüben.

    Leider hat niemand auf Kertbeny gehört. Und Magnus Hirschfeld verschwendete lieber Jahrzehnte darauf, die angeborene „Andersartigkeit“ der Homosexuellen mit zweifelhaften Experimenten wissenschaftlich belegen zu wollen. Am Ende seiner Arbeit stand jedoch nicht die Abschaffung, sondern die Verschärfung des § 175. Dass diese blödsinnige und schon einmal in Bausch und Bogen gescheiterte Strategie jetzt andernorts blind reproduziert werden soll, halte ich für ein Unding und Zeichen sturköpfiger Ignoranz. Nein, was du propagierst — nämlich eine Reform des Strafrechts über den Umweg von Identitätspolitik, Selbstethnisierung und die Konstruktion von „Andersartigkeit“ erreichen zu wollen — ist falsch. Es war zu Kertbenys Zeiten ein Fehler, ist es auch heute noch und wird nicht besser, wenn man andere ungefragt unter Wiederholungszwang setzt.

  3. Gravatar Icon 3 Sascha 06. April 2008 um 20:40 Uhr

    @lysis:

    Du bist auf meine zentralen inhaltlichen Argumente leider mit keinem Wort eingegangen. Was soll denn nach deinem Verständnis überhaupt das Ziel gesellschaftspolitischer Veränderung sein??? Homosexuelle Menschen weiterhin nur im Verborgenen ihren sexuellen Bedürfnissen nachgehen zu lassen (wie in den zitierten arabischen Gesellschaften und wie einst bei uns), oder nicht vielmehr sie ein selbstbewusstes und -bestimmtes, offenes und gesellschaftlich uneingeschränkt respektiertes Leben führen zu lasse? Was hat denn sexuelle Orientierung, und ja: Identität, überhaupt für eine Bedeutung nach deinem Denkansatz??? Beschränkt sich Homosexualität für dich etwa darauf, in einer gesellschaftlich geduldeten, da letztlich unter Verschluss gehaltenen und totgeschwiegenen „Nische“ seine sexuellen Bedürfnisse teilweise zu befriedigen und fertig??? Oder ist die sexuelle Orientierung eines Menschen nach deinem Denkmuster etwa beliebig, so dass die Betreffenden ja ruhig weiterhin Frauen heiraten und mit Frauen den „heiligen Bund der Ehe“ (wie es in unserem soziokulturellen Umfeld heißt) eingehen können und sich dann eben bei Männern das Stückchen homosexueller Identität holen, das die Gesellschaft zulässt, ohne damit ihre Menschen verachtenden, da aggressiv HETERONORNMATIVEN Strukturen in Frage stellen zu müssen. Nein, so sieht wirkliche Gleichberechtigung und die Anerkennung der Gleichwertigkeit unterschiedlicher sexueller Orientierungen, und ergo: Identitäten, ganz bestimmt nicht aus.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 06. April 2008 um 21:51 Uhr

    Du bist auf meine zentralen inhaltlichen Argumente leider mit keinem Wort eingegangen.

    Wieder kann ich das leider nur zurück geben.

    Was soll denn nach deinem Verständnis überhaupt das Ziel gesellschaftspolitischer Veränderung sein??? Homosexuelle Menschen weiterhin nur im Verborgenen ihren sexuellen Bedürfnissen nachgehen zu lassen (wie in den zitierten arabischen Gesellschaften und wie einst bei uns), oder nicht vielmehr sie ein selbstbewusstes und -bestimmtes, offenes und gesellschaftlich uneingeschränkt respektiertes Leben führen zu lasse?

    Wie gesagt, ich halte die Einkörperung gleichgeschlechtlicher Liebe zu einem rassisierenden Personenmerkmal („homosexuelle Menschen“) selber schon für ein Moment von Herrschaft, das es zu überwinden gilt. Warum du glaubst, der Verzicht auf diese Rassisierung bedeute, seinen sexuellen Bedürfnissen „im Verborgenen“ nachgehen zu müssen oder kein Selbstbewusstsein entwickeln zu können, ist mir völlig unbegreiflich. Und was hat Selbstbestimmung mit dem Zwang zur Annahme einer Identität zu tun? Das begründest du alles gar nicht, sondern setzt es naiv voraus.

    Was nun deine Charakterisierung arabischer Gesellschaften angeht, lohnt es sich vielleicht, einen Blick in historische Arbeiten zu werfen, um zu begreifen, dass dieses Schweigen und diese Verborgenheit (also das, was man früher „Closet“ genannt hat), ein Charakteristikum ist, das sich dort erst in den letzten 100 Jahren herausgebildet hat — übrigens gleichzeitig mit der zunehmenden Rassifizierung gleichgeschlechtlicher Liebe. Ich zitiere einmal den israelischen Historiker Dror Ze‘evi, der 2006 in einer wichtigen Studie über den Sexualdiskurs des Osmanischen Reiches zwischen 1500 und 1900 schrieb:

    Looked at from our perspective, premodern Middle Eastern sexual discourse was surprisingly frank and outspoken. To us it may be more akin to latter-day television series such as Sex and the City or Will and Grace than to most nineteenth- and twentieth-century sexual discourse … [I]deas of sexuality in the period reveal none of our fixed, rigid boundaries distinguishing heterosexuals from homosexuals, and almost no sense of deviation from a compelling norm. As early shadow theater manifests, there was no sense of shame attached to sex. The penis was an actor on stage, and coarse Rabelaisian language was ubiquitous. It was very different from the prevalent, almost sanctimonious, public sexual discourse in most of the Islamicate world in the last decades.

    Verborgenheit und Offenheit haben offenbar nichts mit der Frage zu tun, ob Liebe und Lust zwischen Männern und zwischen Frauen ethnisiert und zu einem rassifizierenden Persönlichkeitsmerkmal umgedeutet wird. Wiederum schlägst du Identitätspolitik als Lösung für ein Problem vor, das mit der Frage nach Identität und Nicht-Identität überhaupt nichts zu tun hat. Den Mantel des Schweigens zu heben, setzt nicht voraus, Leute als Schwule oder als Lesben zu konstruieren und somit aus der Gesellschaft auszugrenzen. Im Gegenteil, das ist der sicherste Weg, sie zu marginalisieren, d.h. sie an die Ränder zu pressen, und die Heteronormalisierung des Sozialen voranzutreiben.

    Oder ist die sexuelle Orientierung eines Menschen nach deinem Denkmuster etwa beliebig, …

    Sexuelle Orientierung ist ein Begriff, der wenig mit der realen Organisation von Begehren zu tun hat. Die Welt teilt sich nicht auf in Heteros und Homos, sondern sie wird so aufgeteilt, und gerade das könnte man an der Geschichte und Literatur der arabischen, aber ebenso persischen und türkischen Gesellschaften lernen, die diesem binär-heteronormativen Muster in der Vergangenheit nicht gefolgt sind.

    … so dass die Betreffenden ja ruhig weiterhin Frauen heiraten und mit Frauen den „heiligen Bund der Ehe“ (wie es in unserem soziokulturellen Umfeld heißt) eingehen können

    Der Zwang zur Ehe ist wiederum eine Problem, das jenseits von Identität zu lösen wäre. Man muss die Ehe — oder zumindest den Ehezwang — als solche in Frage stellen und nicht bloß versuchen, einer kleinen, minoritären Gruppe Dispens davon zu verschaffen. Aber das ist wieder diese verkehrte konservative Strategie schwule Identitätspolitiker, die überhaupt nicht mehr in der Lage sind, gesellschaftliche Verhältnisse grundsätzlich in Frage zu stellen, sondern sich nur möglichst gut darin einfügen wollen!

    … und sich dann eben bei Männern das Stückchen homosexueller Identität holen, …

    Ich weiß nicht, was du dir bei Männern holst. Aber Identität ist wirklich das letzte, was ich dort suche.

    … das die Gesellschaft zulässt, ohne damit ihre Menschen verachtenden, da aggressiv HETERONORNMATIVEN Strukturen in Frage stellen zu müssen

    Du bist es doch, der heteronormative Verhältnisse nicht in Frage stellt, sondern diese, indem er sich als Abweichung davon konstruiert, immer wieder bestätigt und reproduziert! Überhaupt scheint dich ja nur das Aggressive an heteronormativen Verhältnissen zu stören, als ob es jemals eine nicht-aggressive Form von Heteronormativität geben könnte, die Jugendlichen einfach die freie Wahl ließe. Du bemerkst auch nicht, dass sich Heteronormativität gerade dadurch herstellt, dass sie den Einzelnen zwingt, entweder sich als „andersartig“ ausgrenzen zu lassen oder eben ganz auf gleichgeschlechtliche Erfahrungen zu verzichten. Dass die Zahl der 16- bis 18-jährigen Jungen, die in hiesigen Umfragen angaben, solche Erfahrungen gemacht zu haben, zwischen 1970 und 1990, also ausgerechnet in der Phase der sog. „Schwulenemanzipation“, von 18 auf zwei Prozent gefallen ist, scheint dir da überhaupt gar keine Überlegung mehr wert.

  5. Gravatar Icon 5 Sascha 06. April 2008 um 22:37 Uhr

    Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass ich die Privilegierung konservativ-bürgerlicher Formen des Zusammenlebens wie die Ehe nicht ebenfalls auflösen möchte. Du weichst aber der entscheidenden Frage weiterhin aus: Wie soll in der Realität die konkrete Diskriminierung homosexueller Menschen, die auf Basis eben dieses Persönlichkeitsmerkmals, das nun einmal eine unabänderliche Tatsache ist, ausgegrenzt, unterdrückt und eben gesellschaftlich nicht in derselben Weise respektiert werden wie Heterosexuelle, jemals überwunden werden, wenn die Betroffenen selbst nicht (selbstbewusst!) für eben diese Rechte eintreten??? Ein selbstbestimmtes Leben ohne Selbstbewusstsein (d.h. in diesem Fall: ein Bewusstsein hinsichtlich der eigenen Position innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse)ist schlichtweg unmöglich.

    Sich seiner ANDEREN sexuellen Orientierung, die sich eben nicht nur auf sexuelle Akte im Verborgenen beschränkt und daher wesentlicher Bestandteil der persönlichen IDENTITÄT jedes Menschen ist, bewusst zu sein, ist die Grundvoraussetzung dafür, die beschriebenen gesellschaftlichen Zustände jemals effektiv verändern zu können. Und sie ist schlichtweg ein fundamentales Menschenrecht, denn wie gesagt: Sexuelle Identität ist entgegen deiner Behauptung kein Konstrukt, sondern eine der menschlichen Vielfalt inhärente, unabänderliche Tatsache!

  6. Gravatar Icon 6 lysis 06. April 2008 um 22:57 Uhr

    Du musst unbedingt mal meinen ersten Beitrag zum Thema lesen. Denn andernfalls macht es für mich keinen Sinn mehr, mit dir weiter zu diskutieren, da du der für mich entscheidenden Frage systematisch aus dem Weg gehst, nämlich dem Streit darüber, ob die Deutung von gleigeschlechtlicher Liebe und Lust nicht als Handlung und Gefühl, sondern als „Persönlichkeitsmerkmal“ eine moderne Konstruktion der Macht ist — wie ich mit aller Vehemenz behaupte —, oder eine „unabänderliche Tatsache“, wie du ohne jede Debatte dekretierst. Solange du um diese Frage herumtanzt wie um den heißen Brei, werden wir ewig aneinander vorbeireden, weil du einfach nicht verstehst, wo meine Kritik überhaupt hinwill.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 06. April 2008 um 23:38 Uhr

    Ich weiß, dass es vielleicht schmerzhaft ist, wenn die eigene Identität, die man sich so schmerzhaft im „Coming-out“ angeeignet hat und jetzt gerne als „unabänderliche Tatsache“ sanktionieren lassen würde, in Frage gestellt, ja als Inkorporation von Machtverhältnissen denunziert wird. Aber vielleicht versuchst du trotzdem mal zu begreifen, wohin das Argument überhaupt zielt!

    Dazu ein klassischer Text von Michel Foucault, der in diesem Zusammenhang eigentlich immer angeführt wird, den ich aber, um nicht immer die gleichen theoretischen Klischees zu bedienen, bisher ausgespart habe. Trotzdem könnte er dir helfen zu verstehen, worum es mir überhaupt geht:

    Die neue Jagd auf die peripheren Sexualitäten führt zu einer Einkörperung der Perversionen und einer neuen Spezifizierung der Individuen. Die Sodomie — so wie die alten zivilen oder kanonischen Rechte sie kannten — war ein Typ von verbotener Handlung, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform, und die schließlich eine Morphologie mit indiskreter Anatomie und möglicherweise rätselhafter Physiologie besitzt. Nichts von alledem, was er ist, entrinnt seiner Sexualität. Sie ist überall in ihm präsent: allen seinen Verhaltensweisen unterliegt sie als hinterhältiges und unbegrenzt wirksames Prinzip; schamlos steht sie ihm ins Gesicht und auf den Körper geschrieben, ein Geheimnis, das sich immerfort verrät. Sie ist ihm konsubstanziell, weniger als Gewohnheitssünde denn als Sondernatur. Man darf nicht vergessen, dass die psychologische, psychiatrische und medizinische Kategorie der Homosexualität sich an dem Tage konstituiert hat, wo man sie — und hier kann der berühmte Artikel Westphals von 1870 über „die conträre Sexualempfindung“ die Geburtsstunde bezeichnen — weniger nach einem Typ von sexuellen Beziehungen als nach einer bestimmten Qualität sexuellen Emfpindens, einer bestimmten Weise der innerlichen Verkehrung des Männlichen und des Weiblichen charaktisiert hat. Als eine der Gestalten der Sexualität ist die Homosexualität aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie, einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist. Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.

    Daran ist nun aber nichts, wirklich nichts eine unabänderliche Tatsache!

    Traurig vielmehr, dass die Schwulenbewegung die Strategien der historischen Sexualwissenschaft bloß politisch verdoppelt hat, indem sie sich seit Ulrichs und Hirschfeld nahezu kritiklos an ihr Projekt einer Spezifizierung des Homosexuellen ankoppelte und ihm dadurch erst recht zum Durchbruch verhalf.

  8. Gravatar Icon 8 Sascha 07. April 2008 um 17:02 Uhr

    Entschuldige bitte, aber du willst es einfach nicht verstehen:

    Das homosexuelle Empfinden, eben die homosexuelle Orientierung, der betreffenden Menschen ist eine unabänderliche und auch in keiner Weise veränderungsbedürftige Eigenschaft. Es darf nicht darum gehen, ersteres in Abrede zu stellen (das wäre unsinnig und vor allem gefährlich), sondern vielmehr darum, zweiteres in aller Deutlichkeit durchzusetzen. Dass es im Zuge eines selbstbewussten und offenen Umganges mit seiner homosexuellen Orientierung zunächst einmal zu einer konservativen Reaktion zumindest von Teilen der Mehrheitsgesellschaft (und damit wiederum zu einem „Anbiedern“ von großen Teilen der homosexuellen „Community“ selbst kommt) ist ebenso logisch wie selbstverständlich. Du redest immer über den Code Napoleon, aber es ist eine abenteuerliche und gefährliche EInstellung zu meinen, die uneingeschränkte Gleichberechtigung homosexueller Menschen könne und solle sich praktisch nur als Nebeneffekt und Zufallsprodukt anderer gesellschaftlicher Entwicklungen ergeben. Die gesellschaftlichen Fortschritte, die es in den letzten dreißig Jahren in Europa gegeben hat (bei allen nach wie vor drastischen Einschränkungen sind diese Fortschritte im öffentlichen Leben ebenso wie in der öffentlichen Debatte über Homosexualität dennoch deutlich erkennbar), waren ganz sicher nicht der Erfolg von Leuten, die einem weiteren Dasein im Verborgenen und einer Versteckermentalität das Wort geredet haben, sondern vielmehr diejenigen, die offen und selbstbewusst ihre Sexualität als bedeutsamen und in jeder Hinsicht zu respektierenden Teil ihrer Persönlichkeit und Identität selbst angenommen und mit den entsprechenden gesellschaftspolitischen Forderungen in die Gesellschaft hineingewirkt haben. Dass davon letztgenanntem Geist in der aktuellen Verbandsklüngelei, in der Dominanz konservativ-bürgerlicher Ansätze einer rein formaljuristischen „Gleichberechtigung“ (und noch nicht einmal die wurde erreicht) nicht sehr viel übrig geblieben ist, kann ganz sicher nicht einer selbstbewussten und emanzipatorischen Identität zur Last gelegt werden, sondern vielmehr dem deutlichen Mangel an einer solchen bei weiten Teilen der immer noch an einem kollektiven Minderwertigkeits- und „Bloß nicht zu sehr auffallen und zu laut aufmucken“-Komplex leidenden, großen Mehrheit der Betroffenen.

  9. Gravatar Icon 9 Sascha 07. April 2008 um 17:16 Uhr

    PS:

    Ich finde es erschreckend, dass du Homosexualität offenbar auf „das bisschen Genuss am gleichen Geschlecht“ reduzieren möchtest. Sexualität, Liebe und Partnerschaft sind ein elementarer Bestandteil der Persönlichkeit und Identität jedes Menschen, und es ist eine herabwürdigende und verheerende Botschaft vor allem an junge Homosexuelle, diesen zentralen Bereich ihrer Gefühlswelt auf diese Weise zu marginalisieren und zu diffamieren.

  10. Gravatar Icon 10 lysis 07. April 2008 um 19:05 Uhr

    Entschuldige bitte, aber du willst es einfach nicht verstehen

    Nein, will ich nicht und kann ich nicht, da du einfach nicht in der Lage bist, auf meine Argumente einzugehen.

    Aber Mary McIntosh hatte schon recht:

    Es ist bemerkenswert, dass Homosexuelle selbst die Idee willkommen heißen und unterstützen, dass Homosexualität ein Zustand ist. Denn genau wie die rigide Kategorisierung Leute davon abhält, in die Abweichung hineinzudriften, so scheint sie auch die Möglichkeit auszuschließen, in die Normalität zurückzugleiten und beseitigt so das Element ängstlicher Wahl.

  11. Gravatar Icon 11 lysis 07. April 2008 um 19:25 Uhr

    Die gesellschaftlichen Fortschritte, die es in den letzten dreißig Jahren in Europa gegeben hat […], waren ganz sicher nicht der Erfolg von Leuten, die einem weiteren Dasein im Verborgenen und einer Versteckermentalität das Wort geredet haben, sondern vielmehr diejenigen, die offen und selbstbewusst ihre Sexualität als bedeutsamen und in jeder Hinsicht zu respektierenden Teil ihrer Persönlichkeit und Identität selbst angenommen und mit den entsprechenden gesellschaftspolitischen Forderungen in die Gesellschaft hineingewirkt haben.

    Ich wiederhole mich ungern, nur weil du nicht in der Lage bist, ein Argument von mir zu akzeptieren! Trotzdem: die Übernahme einer gesellschaftlich konstruierten Identitätsposition, die ja gerade deshalb existiert, um gleichgeschlechtliches Begehren von einer universellen Möglichkeit, die jedem offensteht, auf die angebliche „affliction“ einer kleinen Minderheit zu reduzieren, hat überhaupt nichts mit der Frage von Reden vs. Verbergen zu tun. Man kann sich auch als Schwuler verstecken, und das war jahrzehntelang der Normalfall. Das Schweigen über dieses Thema hielt im Osmanischen Reichen zusammen mit der Konstruktion von gleichgeschlechtlicher Liebe als „Sexualabweichung“ Einzug. Offenbar hat die Konstruktion von „Homosexualität“ als subjektiver Zustand, als Krankheit oder Persönlichkeitsmerkmal, das Reden nicht gerade befördert!

    Insofern gehst du einfach an der Sache vorbei, indem du der Identitätsform „Homosexueller“ ständig eine Macht zuschreibst, die sie gar nicht besitzt. Man braucht sich auch nicht als „Homosexueller“ konstruieren und marginalisieren zu lassen, um so etwas wie Selbstbewusstsein zu entwickeln. Im Gegenteil: diese Konstruktion hat das Selbstbewusstsein vieler Menschen dauerhaft gebrochen und sie zum Schweigen gebracht.

    Also lass doch mal diese beharrliche Vermischung von Themen, die nicht zusammengehören! Genauso wie die Schwulenbewegung nichts zur Entkriminalisierung von gleichgeschlechtlicher Lust beigetragen hat (sie entstand überhaupt erst nach der Reform des § 175), genausowenig hat sie das öffentliche Reden über gleichgeschlechtliche Liebe erfunden. Diese Behauptung ist absurd und hält keiner Überprüfung stand. Tausende arabischer Liebesgedichte und Dutzende theoretischer Abhandlungen über die Liebe belegen das exakte Gegenteil. Wie kann man nur so borniert sein und glauben, dass die Schwulenbewegung in all den Millenien zum ersten Mal über dieses Thema gesprochen hätte und vorher nur Schweigen im Walde gewesen wäre?

    Aber der Unterschied ist frappant: Während arabische Gelehrte zwischen „hetero-“ und „homosexueller Liebe“ gar keinen Unterschied gemacht haben, sondern beides gleich-gültig als Manifestationen des einen Begehrens behandelten, ist man sich seit Ulrichs sicher, dass man eine andere Physis haben muss, um so zu empfinden. Das allerdings, diese völlig kranke Idee, findet man bei klassischen arabischen Autoren nicht.

  12. Gravatar Icon 12 Sascha 07. April 2008 um 21:02 Uhr

    Sorry, aber wer hier nicht differenzieren und Dinge auseinanderhalten kann, bist ganz offensichtlich du:

    - Zwischen homosexueller Orientierung als „Krankheit“ oder „Persönlichkeitsmerkmal“ besteht ein sehr deutlicher Unterschied; die richtige Antwort auf die Versuche reaktionärer Kräfte, die homosexuelle Identität herabzuwürdigen oder sie zu diffamieren, kann nicht darin bestehen, eben diese Identität auf „ein bisschen Genuss am gleichen Geschlecht“ reduzieren zu wollen und sie nicht als den wichtigen Bestandteil der Gefühlswelt der Betroffenen zu respektieren, der er ist. Was du forderst, ist letztlich die Kapitulation vor diesen Menschen verachtenden und eben homofeindlichen Gesinnungen;

    - Dass es in der Antike auch schon mehr oder weniger offen gelebte Homosexualität gab, hat mit der Realität auch der bundesdeutschen Gesellschaft bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts herzlich wenig zu tun. Die Fortschritte, die wir seither zweifellos erreicht haben (auch wenn sie noch lange nicht ausreichend sind), waren nicht das Produkt einer Besinnung auf altrömische oder -griechische „Werte“, sondern das Ergebnis der selbstbewussten und emanzipatorischen Bewegung einiger Schwuler und Lesben, die sich eben nicht damit abgefunden haben, mit ihrer Sexualität, ihrer Liebe und ihren partnerschaftlichen Beziehungen nur in irgendwelchen Hinterzimmern „geduldet“ zu werden.

    Mit deinen Ausführungen erweckst du den Eindruck, Homosexualität sei für dich nicht mehr als beispielsweise die Frage, ob du heute ein rotes oder ein blaues T-Shirt anziehst. Damit würdigst du die homosexuelle Orientierung von Menschen auf geradezu widerliche Weise gegenüber derjenigen von heterosexuellen herab, denn für die ist es -in Ermangelung von Diskriminierung ihrer Sexualität – ganz selbstverständlich, ihre sexuelle Orientierung von Anfang an offen und selbstbewusst zu leben – mit allem, was dazu gehört (d.h. nicht nur reduziert auf das „bisschen Genuss am anderen Geschlecht“).

    Mit deiner Botschaft trägst du daher in gefährlicher Weise zur fortgesetzten Herabwürdigung und Diskriminierung homosexueller Menschen bei. Zugleich stellt sich bei deinen Ausführungen die Frage, ob du deren Existenz sogar gänzlich in Abrede stellen willst, da die Bedeutung der sexuellen Orientierung eines Menschen für dich allem Anschein nach nicht wesentlich über die Bedeutung z.B. der persönlichen Lieblingsfarbe hinausreicht.

  13. Gravatar Icon 13 lysis 07. April 2008 um 21:47 Uhr

    Mit deiner Botschaft trägst du daher in gefährlicher Weise zur fortgesetzten Herabwürdigung und Diskriminierung homosexueller Menschen bei.

    Entschuldige, aber irgendwo ist es auch genug. Diese Diskussion ist hiermit für mich beendet, denn ich habe keine Lust, meine Zeit mit Leuten zu verschwenden, die in Wirklichkeit gar kein Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung haben, sondern meinen, die Diskussion durch Denunziation und hysterisches Betroffenheitsgeschwafel für sich entscheiden zu können.

    Wenn du dir meine Argumente nicht einleuchten lässt, kann ich auch nichts daran ändern. Aber solche albernen und im höchsten Maße dämlichen Unterstellungen brauch ich mir nun wirklich nicht zu geben.

  14. Gravatar Icon 14 Crash 07. April 2008 um 23:15 Uhr

    Mit deinen Ausführungen erweckst du den Eindruck, Homosexualität sei für dich nicht mehr als beispielsweise die Frage, ob du heute ein rotes oder ein blaues T-Shirt anziehst.

    Meiner Meinung nach wäre genau das ein erstrebenswerter Zustand. Wenn man sich als Mann einfach von heute auf Morgen ohne sich groß Gedanken darüber machen müsste sagen kann „heut hab ich mal Sex mit einem Mann“, vollkommen selbstverständlich, als würde man sich überlegen welches T-Shirt man anzieht. Ohne sich vorher als homosexuell, bisexuell oder sonst was definieren zu müssen. Gerade dieses Schubladendenken hält doch viele davon ab, gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen auszuprobieren.

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