Mit Islamophobie contra Homophobie?

„Rausch und Religion“, so der Schwerpunkt der neuen Arranca, in der sich ein Artikel u.a. auch dem Verhältnis von Islamophobie und Homophobie widmet:

Im klassischen Arabisch gibt es kein Wort für „Schwuler“ und trotzdem ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass wohl nahezu die Hälfte aller klassischen arabischen Liebesgedichte von männlichen Autoren für Personen ihres eigenen Geschlechts verfasst wurden. Dies galt selbst den Frömmlern nicht als anrüchig – auch wenn sie den Akt des Analverkehrs für eine schwere Sünde hielten. Als der marokkanische Gelehrte Muhammad al-Saffar in den 1840er Jahren Paris besuchte, stellte er verwundert fest: „Tändeleien, Romanzen und Umwerbungen finden bei ihnen [den Franzosen] nur mit Frauen statt, denn sie tendieren nicht zu Knaben oder jungen Männern. Vielmehr gilt ihnen das als extrem schändlich.“

Von da betrachtet erscheint es wie eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet arabische und türkische Muslime heute dafür herhalten müssen, Europäer_innen eine Selbstrepräsentation als tolerante Anwält_innen der „Homosexuellen“ zu ermöglichen, die sie in einem jahrhundertelangen Normalisierungsprozess doch überhaupt erst als distinkte „Minderheit“ produziert und ausgesondert haben.

(Den ganzen Artikel lesen …)

Dazu passend ein aktueller Veranstaltungshinweis:

Der „homophobe Moslem“ — eine deutsche Vedrängungsleistung

Im „Muslim-Fragebogen“, den die baden-württembergische Landesregierung 2005 entwickelte, wird die Toleranz gegenüber Homosexuellen zu jenen „westlichen Werten“ gezählt, die man von muslimischen EinwanderInnen potentiell bedroht sieht. Das überrascht – gerade aus dem Munde der CDU, die nach dem Krieg nicht einmal davor zurückschreckte, den „Homosexuellenparagraphen“ 175 in seiner verschärften Nazi-Fassung zu übernehmen, um das Lebensglück zehntausender Schwuler systematisch zu zerstören. Eine kollektive Amnesie scheint sich über die Geschichte der Homophobie in Deutschland und dem Westen ausgebreitet zu haben.

Doch auch die Wahrnehmung der Gegenwart ist davon affiziert. So heißt es in Punkt 29 des Muslim-Fragebogens: „Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?“ Vermutlich nicht anders als 80 Prozent der deutschen Männer, die in einer repräsentativen Emnid-Umfrage von 2001 angaben, sie hätten „Probleme mit einem eigenen lesbischen oder schwulen Kind“.

Dass es sich bei dem Diskurs über „homophobe Moslems“ um einen einzigartigen Verdrängungsakt handelt, in dem sich die deutsche Gesellschaft nicht nur ihrer Vergangenheit, sondern auch der Wahrheit über ihre Gegenwart entledigt, darum soll es an diesem Abend gehen.

Termin: Di, 06.11.2007, 18:00 Uhr
Ort: Halle, Melanchthonianum, HS C


5 Antworten auf “Mit Islamophobie contra Homophobie?”


  1. Gravatar Icon 1 leftqueers 27. Oktober 2007 um 21:44 Uhr

    Wenn man sich so bestimmte Kommentare mancher bei queer.de anschaut, so mag sich einem dieser Eindruck massiv aufdrängen.

    Das die jenigen, die so schreiben, sich dadurch nicht viel besser stellen, als diejenigen, die sie zu bekämpfen glauben, merken der eine oder andere meistens erst dann, wenn man sie darauf hinweist.

    Oder sie lassen all ihrem Zorn soweitgehend freien lauf, das sie sich sogar Nazivokabular bedienen. Das kommt einem dann schon so vor wie der Müll der in dem von Diekmann herausgegebenem Buch zu finden ist.

    Naja, wenn man die selbe Weltanschauung wie Diekmann hat, dann gute N8!!

  2. Gravatar Icon 2 Angelus Novus 20. November 2007 um 1:42 Uhr

    Artikel gibt’s jetzt auf Englisch:

    http://mrzine.monthlyreview.org/klauda121107.html

  3. Gravatar Icon 3 st_eve 28. November 2007 um 19:17 Uhr

    schon gelesen?:

    Doku über „Menschen, die das Pech haben, zugleich homosexuell und gläubige Muslime zu sein.“
    http://blog.zeit.de/joerglau/2007/11/22/der-dschihad-fur-die-schwule-liebe_915

    gefunden hats: das genderblog

  4. Gravatar Icon 4 lysis 29. November 2007 um 11:46 Uhr

    Naja, ist immer ärgerlich, wenn Leute zu Themen schreiben, von denen sie keine Ahnung haben …

  1. 1 Mixed Picks | bikepunk 089 Pingback am 05. November 2007 um 16:29 Uhr
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