Genauso homophob wie schwulenfreundlich

„Homosexualität“ sei „die Kultur des Autoritären“, verkündete Tjark Kunstreich in der Bahamas Nr. 44 und tourt mit dieser These seit Jahren durch die antideutschen Hochburgen der Republik. In Halle versuchte er unlängst, damit auch die Feindschaft des deutschen HipHop gegen den „emanzipierten Schwulen“ zu erklären. In Wirklichkeit handle es sich bei dieser Musikszene nämlich um eine Neuauflage des „homoerotischen Männerbunds“, wie ihn Erich Fromm und seine Frankfurter Kollegen 1936 konstruiert hatten, um zwischen der von ihnen als spätkapitalistische Dekadenzerscheinung wahrgenommenen „Homosexualität“ und dem Aufkommen des Faschismus eine zwar nicht unbedingt logische, aber immerhin doch psychologische Verbindung zu stiften. Ja, Kunstreich stellt Fromm sogar dahingehend in den Schatten, dass er das angeblich von der „autoritären Gesellschaft“ produzierte homosexuelle Verlangen nicht nur für den Faschismus, sondern selbst noch für die eigene Verfolgung verantwortlich macht. Eine Theorie übrigens, die nicht gerade neu ist und 2001 das Rezept für Lothar Machtans Schmierenwerk Hitlers Geheimnis abgab, welches auf der schwachsinnigen These beruhte, Hitler habe den Röhm-Mord und die Zerschlagung der Schwulenbewegung nur deshalb organisiert, um vom Skandalon seiner eigenen Homosexualität abzulenken. Und am Ende ist ihm Machtan doch noch auf die Schliche gekommen!

Wohlgemerkt: Da Kunstreich sich selbst als schwul versteht, verwendet er (im Unterschied zu Machtan und Konsorten) viel Zeit darauf, zwischen der guten „individuellen Homosexualität“, die sich als „Devianz“ begriffen hat, und der bösen „gesellschaftlichen Homosexualität“, die uns die Luft verpestet, zu unterscheiden. Solange homosexuelle Minderheit und heterosexuelle Mehrheit klar definiert bleiben und die Gesellschaft ihren heteronormalisierten Gang weiter fortsetzt, besteht also keine Gefahr, und der Vorschlag des russischen Schriftstellers Maxim Gorki an die Deutschen: „Rottet die Homosexuellen aus und der Faschismus ist verschwunden!“, würde sicher auch bei Kunstreich — der individuell ebenso schwulenfreundlich ist, wie er sozial gegen „die Homosexualität“ wettert — auf erbitterten Widerspruch stoßen.

Trotzdem kann man sich nur wundern, wie kritiklos dieser alberne Mist von Antifas wie riotpropaganda aufgegriffen und im Internet verbreitet wird, ohne dass er verstanden hätte, worum es überhaupt geht. Denn dass er es nicht verstanden hat, wird aus einer kuriosen Begebenheit deutlich: nur knapp zwei Wochen nach seinem Werbebeitrag für Kunstreich fängt riotpropaganda plötzlich an, die linksdeutsche Rap-Band „Absolute Beginners“ für die gleichen Thesen zu beschimpfen, für die er kurz vorher noch selbst Reklame gemacht hat. Jedenfalls will mir der Unterschied nicht so recht aufgehen, zumal auch die Beginners die von ihnen wohlgelittenen „Gays“, insofern sie sich als „deviante Andere“ reflektiert haben, nicht in ihre homophobe Denunziation einbeziehen, sondern sie säuberlich von der „männerbündischen Homosexualität“ der Nazis trennen und sogar gegen diese in Stellung zu bringen versuchen. Aber vielleicht hab ich ja was übersehen und riotpropaganda kann’s mir schnell noch mal erklären:

Da ihr Wert auf eure Texte legt, muss gestattet sein zu fragen, warum ihr in dem Song „Scheinwerfer“, in dem es um Deutschland bei Nacht geht, die Nazis als welche darstellt, die sich auf ihren Treffen „kollektiv den Schwanz in den Mund (schieben)“. Gilt das unter homophoben Hip-Hoppern als ein überzeugendes Argument gegen Nazis?

Jan: Man sollte sich nicht über eine Sache beschweren, die in einen bestimmten Style verpackt wird und einem dient. An der blöden Hinterfragerei geht die Linke kaputt – alles wird tot diskutiert. Wenn ich mit diesem Text zwanzig Kampf-Türken überzeugen kann, Nazis zu bekämpfen, kann das nur gut sein. Wie man letzlich zu einer Einstellung gelangt, ist völlig egal.

Aber von Homophobie heilt man mit einer solchen Textpassage niemanden.

Dennis: Man kann nicht alles so ernst nehmen. Gag und Witz sind auch Ausdrucksformen. Manchmal kann man über Sachen lachen, weil sie ein wenig unkorrekt sind. Wir sind ehrlich und benutzen unsere Sprache und unseren Humor. Abgesehen davon haben die Nazis doch wirklich in ihrem Style – was die unpolitischen Dinge anbelangt – extrem viele Parallelen zur Schwulenszene, obwohl sie die größten Schwulenfeinde sind: Sie erscheinen wie testosterongeladene schwule Glatzen, die sich nach ihren männerbündigen Aufmärschen gegenseitig durchficken.

Jan: Cool wäre doch, wenn irgendwann einer von diesen Nazis, nachdem er unser Lied im Radio gehört hat, vor dem Spiegel steht und denkt: „Stimmt, eigentlich ist das total gay, was wir hier machen.“ Leider wird das natürlich nicht geschehen, schließlich können Nazis gar nicht reflektieren.

Antifas aber offenbar auch nicht.


10 Antworten auf “Genauso homophob wie schwulenfreundlich”


  1. Gravatar Icon 1 otto 15. April 2008 um 22:44 Uhr

    Vielleicht habe ich bei Kunstreich ja etwas falsch verstanden aber die Männerbünde sind ja gerade nicht Homosexuell, obwohl sie homoerotische Züge tragen. Geht das nicht eher irgendwie Richtung Freud? Unterdrückung eigener Homosexueller züge, oder auch nur Vorstellungen, und Hass auf diese die es ausleben?

  2. Gravatar Icon 2 lysis 15. April 2008 um 23:20 Uhr

    Du übersiehst den entscheidenden Punkt: für Kunstreich wie für Horkheimer/Adorno wird die Homosexualität durch den Männerbund überhaupt erst gezüchtet. Bei letzteren heißt es dazu klipp und klar: „Im faschistischen Kollektiv mit seinen Teams und Arbeitslagern ist von der zarten Jugend an ein jeder ein Gefangener in Einzelhaft, es züchtet Homosexualität.“

    Und wo du den Unterschied zwischen „Homosexualität“ und „Homoerotik“ ansetzt, ist mir ehrlich gesagt nicht ganz klar. Gerade da Kunstreichs Kernanliegen darin besteht, diese Analyse vom Homo-Faschismus auf die männerfickenden Moslems zu übertragen, kann es der Verzicht auf den Sex ja gar nicht sein.

  3. Gravatar Icon 3 anonym 16. April 2008 um 12:34 Uhr

    Den homoerotischen Männerbund hat nicht Erich Fromm bzw. die Frankfurter Schule erfunden, sondern Hans Blüher, Chronist des deutschen Wandervogels und die Gruppe der sog. Maskulinisten Anfang des 20. Jahrh.. Diese Antisemitien stellen selbst den Zusammenhang zwischen Homosexualität und Staatsräson her, das kann man bei Claudia Bruns und Susanne zur Nieden: Homosexualität und Staatsräson nachlesen.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 16. April 2008 um 22:21 Uhr

    Schön zu wissen, dass die Kritische Theorie auf faschistischen Fragmenten aufbaut! Ich dacht’s mir ja schon immer.

  5. Gravatar Icon 5 st_eve 16. April 2008 um 23:03 Uhr

    hilfreich wäre den kommentator_innen sicher auch sich zu überlegen ob sie nicht doch homosozial statt homoerotisch und homosexuell meinen. männerbündische strukturen wie zB männlicher profifußball und burschenschaften, zeichnen sich eben durch die homosoziale und kompetetive vergemeinschaftung heterosexueller männlicher individuen aus, die eben jeglicher homoerotik entbehrt. zentrales moment ist der ausschluss bzw die marginalisierung von allen, die diesen kriterien nicht entsprechen. gerne werden jene strukturen ja eben als keimzelle von faschismus gewertet.
    nun ist die frage ob unter umständen schwule communities analog funktionieren und heteromänner und hetero- und homo-frauen ausschließen und marginalisieren? ich kenne den bahamastext nicht und hab grad auch keine lust ihn zu lesen, vielleicht kann lysis mir ja meine frage beantworten?

    es ändert jedoch nix daran, dass das vokabular des homoertotsichen männerbundes offenkundig falsch verwendet wird.

  6. Gravatar Icon 6 lysis 17. April 2008 um 1:02 Uhr

    nun ist die frage ob unter umständen schwule communities analog funktionieren und heteromänner und hetero- und homo-frauen ausschließen und marginalisieren? ich kenne den bahamastext nicht und hab grad auch keine lust ihn zu lesen, vielleicht kann lysis mir ja meine frage beantworten?

    Kunstreich beschäftigt sich nicht mit schwulen Communities. Seine These fußt ja darauf, dass diejenigen, die ihre „Andersheit feiern“, aus diesem Schema der männerbündischen Gleichmacherei irgendwie herausfielen, ja dass sie die eigentlichen Opfer dieser Form „homoerotischer Vergemeinschaftung“ wären.

    Zu bemerken bleibt jedoch, dass der SA-Führer Ernst Röhm, ganz entgegen dieser spekulativen Konstruktion, völlig mit seiner „Abweichung“ im Reinen war und sogar eine Karte besaß, die ihn als Mitglied einer Bürgerrechtsorganisationen der damaligen Schwulenbewegung auswies. Röhm verdrängte nichts; er war ein — wie Kunstreich sich ausdrücken würde: „emanzipierter Homosexueller“, der sich in der SA sauwohl fühlte.

    Außerdem ist bekannt, dass Teile der SA ganz unverhohlen in der schwulen Szene verkehrten und dort sexuelle Beziehungen konsumierten. Das kann man unter anderem in den einschlägigen Biographien von Rosa-Winkel-Häftlingen nachlesen. Das Neonazi-Problem, das heute auch Internet-Portale wie Gayromeo haben, ist insofern kein Novum.

    Zeigt dies nicht recht deutlich, dass der „emanzipierte Homosexuelle“ überhaupt gar keinen Widerspruch zur vermeintlich „homoerotischen“ Männerbündelei bildet, die nach Auffassung von Leuten wie Kunstreich in den faschistischen Rackets der Nazi-Zeit dominierte?

    Faschistische Gesinnung korreliert weder mit dem eigenen Geschlecht (auch Frauen waren, was der Feminismus gern verdrängte, überzeugte Nazi-Täterinnen, so sie nur die Möglichkeit dazu bekamen) noch mit dem Geschlecht des je Begehrten. Mit demselben Recht, mit dem Kunstreich behauptet, dass „Homosexualität“ der erotische Kitt des Faschismus gewesen wäre, könnte man auch auf die böse Heterosexualität verweisen, die viele Frauen in inniger sexueller Extase an ihren geliebten Führer band. Ernst Jandl hat das in seinem Gedicht „Wien: Heldenplatz“ ja trefflich auf den Punkt gebracht:

    der glanze heldenplatz zirka
    versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
    drunter auch frauen die ans maskelknie
    zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick
    und brüllzten wesentlich.

    verwogener stirnscheitelunterschwang
    nach nöten nördlich, kechelte
    mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
    hinsensend sämmertliche eigenwäscher.

    pirsch!
    döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
    mit hünig sprenkem stimmstummel
    balzerig würmelte es im männchensee
    und den weibern ward so pfingstig ums heil
    zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.

    Wenn „gesellschaftliche Homosexualität“ für den Faschismus ein erotischer Kitt war, dann war die „gesellschaftliche Heterosexualität“ es ganz bestimmt nicht minder. Erinnert sei nur an die historische Parole der Radicalesbians, die die heterosexuelle Kleinfamilie als „Keimzelle des Faschismus“ denunzierten. Aber aufgrund seiner Homophobie interessiert sich Kunstreich dafür nicht.

    Im Grunde kann man aus diesem ganzen Hin und Her nur eine verlässliche Schlussfolgerung ziehen, nämlich dass psychoanalytischen Ansätze, die den Faschismus als Ausdruck einer bestimmten libidinösen Ökonomie deuten, schlicht und einfach für den Mülleimer sind.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 17. April 2008 um 1:20 Uhr

    Leider ist Klaus Manns berühmter Aufsatz zum Thema im Internet nicht mehr abrufbar. Der einzig erfreuliche Aspekt an der mittlerweile aufgelösten Gruppe „queer.for.israel“ war ja der, dass sie diesen Text auf ihren Seiten verfügbar gemacht hat.

    Zur Widerlegung der These, dass das „bündische Prinzip“ stets mit dem Faschismus einhergehe, führt Mann interessanterweise den amerikanischen Dichter Walt Whitman an, der Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls für einen „Bund“ warb, einen Bund, den er gleichermaßen radikaldemokratisch wie — man würde heute im schlechten psychoanalytischen Jargon sagen: „homoerotisch“ konzipierte. Ein demokratischer Freundschaftsbund, wie sich Whitman vor dem Hintergrund der Tatsache ausgedrückt hätte, dass „Freundschaft“ in den USA des 19. Jahrhunderts schon immer jene stark libidinöse Dimension umfasste, die Whitman in seinen Calamus-Gedichten so offen und ungeschminkt zum Ausdruck bringt.

    Manns Schlussfolgerung:

    Sogar aber vorausgesetzt, alle Invertierten suchten den Männerbund und der Männerbund habe stets die invertierte Note: worauf es ankommt, ist nur der Geist, in dem der Bund geschlossen wurde, nicht der erotische Kitt, durch den er zusammenhält.

    Walt Whitman ist übrigens bis heute eine der gefeiertsten Ikonen der amerikanischen Schwulenbewegung, und es ist daher alles andere als ein Zufall, dass eine der ersten lesbisch-schwulen High Schools in den USA — für Schüler_innen, die vor der Homophobie im offiziellen Schulbetrieb geflüchtet sind — seinen Namen trägt.

  8. Gravatar Icon 8 lysis 17. April 2008 um 1:54 Uhr

    Kleine Ergängung zu meinem letzten Beitrag: Klaus Mann bezieht sich in seinem Aufsatz zur Kritik der homophoben Männerbundtheorien in der deutschen Exil-Linken auf das folgende Gedicht von Walt Whitman, das hiermit einmal ausführlich zitiert sei:

    For You, O Democracy

    Come, I will make the continent indissoluble,
    I will make the most splendid race the sun ever shone upon,
    I will make divine magnetic lands,
    With the love of comrades,
    With the life-long love of comrades.

    I will plant companionship thick as trees along all the rivers of America,
    and along the shores of the great lakes, and all over the prairies,
    I will make inseparable cities with their arms about each other’s necks,
    By the love of comrades,
    By the manly love of comrades.

    For you these from me, O Democracy, to serve you ma femme!
    For you, for you I am trilling these songs.

  9. Gravatar Icon 9 lysis 17. April 2008 um 2:34 Uhr

    Fast noch besser lässt sich Whitmans Ideal einer, wenn ich Kunstreich mal zitieren darf: „gesellschaftlichen Homosexualität“ an dem folgenden Gedicht studieren:

    To the East and to the West

    To the East and to the West,
    To the man of the Seaside State and of Pennsylvania,
    To the Kanadian of the north, to the Southerner I love,
    These with perfect trust to depict you as myself, the germs are in all men,
    I believe the main purport of these States is to found a superb
    friendship, exalte, previously unknown,
    Because I perceive it waits, and has been always waiting, latent in all men.

    Erklär mir doch mal einer den „Faschismus“, der in diesem amerikanisch-demokratischen Gegenmodell zu den misogynen deutschen Männerbund-Theorien um Gestalten wie Blüher strukturell zum Ausdruck kommen soll! Ich bin gespannt.

    Seine Rezeption in den USA sieht jedenfalls etwas anders aus: „As Whitman waged a conscious campaign to challenge misogynistic and homophobic literary codes, he promoted a raceless, classless ideal of sexual democracy that theoretically equalized all varieties of desire and resisted none“, meint etwa Vivian R. Pollak in The Erotic Whitman stellvertretend für viele Autor_innen, die Whitman verehren oder bis zu ihrem Tod verehrt haben — Schriftsteller wie Klaus Mann und Allen Ginsberg („Walt Whitman is one of my spiritual teachers“) genauso wie Theoretiker und politische Aktivisten der amerikanischen Schwulenbewegung wie Jonathan Katz oder Richard Goldstein, für die der in Kunstreichs Augen wohl sicher „homoerotisch-männerbündlerische“ Whitman radikaler Vordenker eines Konzept von sexueller Demokratie ist.

    Weitere Literatur zum Thema: Charley Shively, Calamus Lovers: Walt Whitman’s Working-Class Camerados. Gay Sunshine Press, 1987.

  10. Gravatar Icon 10 Thommen 11. Mai 2008 um 14:24 Uhr

    Zur Bemerkung, dass „Männderbünde“ oder Homosexuelle Gruppierungen Frauen „ausschliessen“:
    Sind sich Frauen bewusst, warum sie Männer ausschliessen?

    Und können sie sich überhaupt vorstellen, WARUM Männer oder Schwule Frauen ausschliessen???

    Dies würde auf die Frage der Zwangsheterosexualität zurückführen, aber da fehlt offenbar auch die Fähigkeit zur tieferen Reflektion.

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