Archiv für Juni 2008

Gegen queeren Rassismus

(starblog vom transgenialen CSD 2008)

Tolerante Scheißdeutsche IV

Noch in den 1990er Jahren weigerten sich rechte Jugendliche aus einem der Plattenbaubezirke Ostberlins, den Westberliner Bezirk Kreuzberg zu erkunden, mit der Begründung, dass dort so viele Türken wohnten, die alle schwul seien. Sie meinten damit die Verkehrsformen männlicher türkischer Jugendlicher und junger Männer, die bei der Begrüßung Wangenküsse unter Freunden austauschen und wesentlich mehr Umarmungen und physische Kontakte pflegen, als dies für die ostdeutschen heterosexuellen Jugendlichen hinnehmbar schien.

Aus: Michael Bochow, „Homosexualität junger Muslime — Anmerkungen zu gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten unter Männern in Westeuropa“, in: Hans-Jürgen von Wensierski und Claudia Lübcke (Hrsg.), Junge Muslime in Deutschland : Lebenslagen, Aufwachsprozesse und Jugendkulturen (Opladen : Budrich, 2007), 325.

Tolerante Scheißdeutsche III: gereizt bis gewalttätig

These 5: Die „passagere“ Homosexualität von Jungen ist eine verschwindende Verhaltensform.

Alle empirischen Studien von Kinsey (1948) bis Clement (1986) zeigen, daß eine bedeutende Minderheit von Jungen in Pubertät und Adoleszenz zeitweise homosexuelle Kontakte hatte. In den letzten 20 Jahren sind solche Erfahrungen bei den 16- und 17-jährigen von 18% auf 2% zurückgegangen. […] Zwar haben Jungen durchaus liberale Einstellungen zur Homosexualität, aber nur solange sie selber damit nichts zu tun haben oder davon „berührt“ werden. So behauptet die überwiegende Mehrheit, daß es ihre Freundschaft zu einem guten Freund nicht belasten würde, wenn sie erfahren würden, daß er homosexuell sei, setzen aber schnell hinzu, daß der andere „nichts von mir wollen“ darf. Weiterhin reagieren Jugendliche gereizt bis gewalttätig auf Flirtversuche und „Anmache“ homosexueller Männer.

Die liberalere und offenere Haltung zur Homosexualität (die, wie gesagt, begrenzt ist und für die meisten spätestens bei der eigenen Sexualität aufhört) bedingt somit paradoxerweise eine Tabuierung gleichgeschlechtlicher Verhaltensweisen bei denjenigen Jungen, die sich (noch) nicht für homosexuell halten.

Aus: Gunter Schmidt (Hrsg.), Jugendsexualität : Sozialer Wandel, Gruppenunterschiede, Konfliktfelder (Stuttgart : Enke, 1993), 3.

Schmidt (Hrsg.), Jugendsexualität, S. 35.

Tolerante Scheißdeutsche II

Nicht nur die „Jungle World“, auch die Nazis von „Radio Freiheit“ widmen sich — auf ihre Weise — dem neuen Idiotenthema „türkische Homophobie“ (bitte, als ob Homophobie eine Nationalität hätte!):

Ganz unzweifelhaft ist Homosexualität eine abartige Veranlagung, die in gewisser Hinsicht auch eine Geistesgestörtheit voraussetzt. Dies umso mehr, wenn Homosexuelle so tun, als sei ihre Abartigkeit normal und entsprechend agieren, indem sie das, was sie als „Normalität“ ansehen, der Gesellschaft aufdrängen, ob die das nun will oder nicht. Ebenso unzweifelhaft, wie Homosexualität eine sozialschädliche Perversion ist, so ist sie auch ein Gradmesser für den Verfallszustand einer Gesellschaft. In gesunden Gemeinwesen gibt es jedenfalls keine Probleme mit der Homosexualität, da sie dort die ganz große Ausnahme bleibt. Wo jedoch ein bestimmter gesellschaftlicher Fäulnisgrad erreicht ist, wird das Krankhafte zur Regel und das Normale zum Auslaufmodell. Aber: Das ist natürlich kein Grund zuzulassen, daß wie in der jüngsten Vergangenheit desöfteren geschehen, Türken in Berlin regelrechte Hetzjagden auf diese Randgruppe veranstalten können, ohne daß das bisher entsprechend in der veröffentlichten Meinung gewürdigt wurde. Würden ethnische Deutsche Hetzjagden auf Homosexuelle veranstalten, wäre binnen 24 Stunden das gesamte Pseudo-Gutmenschentum vor Ort.

Die letzten beiden Sätze fassen eine Verschwörungstheorie zusammen, für die Ivo Bozic immerhin einen ganzen Artikel brauchte: das angebliche Schweigen der „Systemmedien“ über die Gewalt der bösen Türkenbrut. Dabei kenne ich — bis auf die Strichermorde an Walter Sedlmayr und Rudolph Mooshammer — keinen Fall, in dem ein Übergriff auf Homos oder Transen es schon jemals in die überregionalen Medien geschafft hätte. Und auch bei der Jungle World muss der Täter mindestens ein „Ausländer“ sein, damit sie darüber berichtet!

Achja, und der Artikel der Nazis geht noch weiter:

Es gehört übrigens auch keine Bierseligkeit dazu, um mit aggressiven „Drag-Kings und „Drag-Queens“ Probleme zu haben, die alle Welt an ihren Befindlichkeiten teilhaben lassen möchten. Diese Damen und Herren – oder wie auch immer – haben ganz offenkundig neben den Problemen ihrer Abartigkeit noch ganz schwer einen an der Waffel und gehörten eigentlich in eine geschlossene Anstalt.

Erinnert mich irgendwie an das.

Bozic-Deutsche

Wir gratulieren der Jungle World zu ihrem neuen rassistischen Themenschwerpunkt mit dem Titel „Bissu schwül oder was?“. Die Antwort folgt in den nächsten Wochen. Derweil: abbestellen bitte!