Maskuliner Michael, femininer Mustafa

Irgendwie erheiternd: bei der Recherche nach Diskursen über
„türkische Maskulinitäten“ bin ich prompt bei diesem Text (PDF!) gelandet. Es handelt sich um „Unterrichtsmaterialien für ein Interkulturelles Training“, veröffentlicht von der TU Braunschweig:

Die Ausprägung von Maskulinität ist in der Türkei mit einem Wert von 45 deutlich geringer als in Deutschland bei einem Wert von 66. […] Merkmale für eine stärkere feminine Ausprägung der türkischen Gesellschaft sind die Betonung des Familienlebens gegenüber der Arbeit. Die Arbeit wird nicht als das einzig Wahre angesehen, sondern das Familienleben hat daneben durchaus eine ähnlich große Bedeutung. Auch die Höherschätzung von persönlichen Beziehungen gegenüber sachlichen Fähigkeiten oder monetären Vorteilen sind ein Merkmal von geringerer Ausprägung von Maskulinität. Und letztendlich ist die Bevorzugung von Familienmitgliedern bzw. Bekannten oder Freunden gegenüber fachlich besser Qualifizierten aber Unbekannten ebenfalls ein Merkmal von femininer Ausprägung im Sinne der Kulturdimensionen nach Hofstede.

Aber auch in Istanbul wird geprotzt: „Die türkische Kultur hat einen Hang zur Femininität“. Haha, ihr Weicheier! ;)


4 Antworten auf “Maskuliner Michael, femininer Mustafa”


  1. Gravatar Icon 1 doesn't mind 11. Juni 2008 um 16:16 Uhr

    Nun, da scheinen mir die Kulturdimensionen nach Hofstede, wenn das tatsächlich in der hier zitierten Allgemeinheit gemeint ist, ziemlicher Unsinn zu sein.

    Ein klassischer patriarchaler Vater, egal ob in der Türkei oder hier, würde doch immer sagen, dass ihm die Familie wichtig sei. Was nicht heisst, dass dies dass einzige Männlichkeitsmodell ist, aber dann doch ein ganz zentrales. Und die Vetternwirtschaft, in der Verwandschaft vor Qualifikation geht, heisst auch ja nun auch Vettern- und nicht Basenwirtschaft.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 12. Juni 2008 um 0:51 Uhr

    Natürlich ist der Maskulinitäts-Index von Hofstede Quatsch, weil er Männlichkeit gleichsetzt mit der hegemonialen Männlichkeit nordwesteuropäischer Manager-Eliten. Als männlich gilt deshalb: Konkurrenzorientierung, Durchsetzungsfähigkeit, Sachlichkeit, Karrierismus und Profitgier. Gemessen an dieser Norm ist die türkische Gesellschaft eben „feminin“, und zwar wiederum im Sinne Hofstedes: häuslich, fürsorglich, familiär, beziehungsorientiert, emotionsgeleitet usw. usf.

    Trotzdem hast du in einer Sache unrecht: Maskulinität und Patriarchalität haben erstmal ziemlich wenig miteinander zu tun. Die Gleichheit der Frauen, die in der Türkei auf rechtlicher Ebene schon erzielt war, als die Französinnen noch nicht mal wählen durften, hat keineswegs zu einer Schwächung, sondern, im Gegenteil, zu einer Stärkung des „Maskulinismus“ beigetragen, weil Männer gerade dann, wenn das Geschlechterverhältnis institutionell entriegelt ist, darauf zurückgeworfen werden, ihre Männlichkeit auf symbolischer Ebene zu reproduzieren. Am maskulinsten sind daher noch immer die Halbstarken, die niemals mehr über echte patriarchale Autorität verfügen werden.

    (Und nicht dass dir da bloß wieder die „Türkenbengels“ einfallen; denk lieber mal an den prototypischen Antifa-Macker…!)

  3. Gravatar Icon 3 doesn\'t mind 12. Juni 2008 um 15:17 Uhr

    Nunja, die Trennung von Maskulinität und Patriarchat finde ich ein wenig problematisch. Wenn du Maskulinität so erklärst, wie du es getan hast, erscheint es als die nachträglichem Subjektivierung von etwas Vergangenem. Weil keine reale Autorität mehr, wird es zu etwas Körperlichem. Das scheint mir nicht ganz falsch zu sein, hat aber zwei Haken. Zum einen ist das Fortsetzung von Vergangenem genau der Inhalt des Patriarchalen, denn die patriarchale Autorität ist ja Autorität aus Tradition. Nicht nur in dem Sinne, das es so ist weil es schon immer so war, sondern weil der Vater in der Genealogie der Träger des Allgemeinen, sich Fortsetzenden ist. Gerade wenn sie sich so erklärt, muss die vermeintlich rein subjektive Maskulinität immer wieder ins übersubjektive Patriarchale umkippen.

    Umgekehrt zeigt sich, wenn sich die Subjektivierung vollzieht, dass dann, wenn es auf den körperlichen Ausdruck ankommen soll, die geschlechtliche Identität nicht durchgehalten werden kann. Nehmen wir die Halbstarken bzw. deren Weiterentwicklung, den Rocker und dessen Gesten. Sehr schnell wurden sich in diesem Prozess von Seiten der Männer Symbole angeeignet, die zwar zur einen Seite hinfür Männlichkeit standen, mittlerweile aber als weiblich galten. Die langen Haare zum Beispiel, oder die Kleidung vorallem im Glam-Rock. In Funk und Soul war dies nicht anders. Rock und vorallem Funk waren nicht willentlich, dass kam erst später, sondern aus innerer Notwendigkeit queer. Was sich auch daran zeigt, dass die Dresscodes der Frauen näher an dem der Männer dran waren als bei den jeweiligen Vorgängern, ohne dass sich die Gesamtentwicklung guten Gewissens einfach nur als Emanzipation beschreiben lässt.

    Das sexistische des Punk, um in der Pop-Geschichte zu bleiben, ergab sich m.E. aus dem Wunsch, dies wieder im patriarchalen Sinne zurechtzurücken, wurde darüber aber destruktiv in Bezug auf die eigene Männlichkeit und legte damit auf verquere Weise die Grundlage für den autonomen Antisexismus.

    Will sagen: Je isolierter das Individuum zum Ausdruck seiner selbst gezwungen ist, desto unvermittelter zeigt sich die polymorph-perverse Anlage des Subjekts. Das ist bei migrantischen Kids nicht anders. Die treiben das Spielchen nur deswegen ein wenig doller, d.h. sie binden sich nur deswegen unmittelbarer an den übersubjektiven patriarchalen Pol der Männlichkeit, weil ihnen vor allem durch Sprachbarrieren sublimiertere Formen zur Herstellung von Identität versperrt sind. Damit meine ich weniger, dass sie nicht in der aktuellen(!) Sprache formulieren können. Vielmehr geht es darum, dass ihnen die historisch verdeckten, nur noch unbewusst vorhandenen Mehrfachbedeutungen, die etwa Verschiebungen innerhalb von Symbolen und Umcodierungen ermöglichen, nicht präsent sind oder als unpassend erscheinen, weil sie in der eigenen Psychogeschichte anders sind. Einzig auf dieser Ebene scheint mir so etwas wie Kultur eine Rolle zu spielen. Den Einzelnen mag das als Unterdrückung ihrer Kultur erscheinen, triebpsychologisch ist es aber das Gegenteil, der gesellschaftlich gültige Vollzug der Triebunterdrückung wird gehemmt und Kulturbildung wird verhindert. Daher der Rückzug auf den Standpunkt einer fiktiven vergangenen Kultur, deren Bestand die patriarchale Autorität sicherstellen soll.

    Patriarchal ist aber alles zu nennen, was zu Fortsetzung und Rückversicherung zwingt. Nicht erst das unmittelbare Bewusstsein davon, dass es ohnehin nur höchst widersprüchlich geben kann. Deine Trennung sieht mir zu sehr nach der Umkehrung der These aus, dass mit dem Wert das Patriarchat eigentlich keine Existenz mehr hat, weswegen bei dir ein ganz neues, isoliertes Problem entsteht, welches von der anderen Seite als Individualität gefeiert wird.

    Mit dem Antifa-Mackertum verhält es sich meines Erachtens ein wenig anders, weil hier in der Negation der gesellschaftlich gültigen Autorität das übersubjektiv Patriarchale festgehalten, weswegen der Umschlag in rein subjektive Maskulinität verhindert werden kann. Der durchaus Maskulinität fördernde Kampfsport etwa, auf der geistigen Ebene die Aneignung von Feldherrentaktik, ist durch einen äußeren Zweck vermittelt, den Kampf gegen die Nazis. Damit ist der Zwang gemindert, dass das Subjektive als, wie beim Fit-For-Fun trimmen oder im Pop, mit dem Lustprinzip in Übereinstimmung stehend vorgestellt werden muss. Das Antifa-Mackertum ist der Zwillingsbruder des autonomen Antisexismus. Beides dürften recht prekäre Zustände sein, weil sie an der Negation hängen. Denn in der Form körperlicher oder geistiger gesellschaftlich gültiger Arbeit ist genau diese Vermittlung tendenziell überflüssig und zwecklos.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 18. Juni 2008 um 8:45 Uhr

    Tut mir leid, dass ich dich ein bisschen im Regen stehen lassen muss. Ich bin gerade zu sehr mit einem Projekt im Real Life beschäftigt. Trotzdem zwei kurze Anmerkungen:

    - Du weißt wahrscheinlich, dass ich bei Psychoanalyse abschalte, weil ich diesen dogmatischen Rahmen ganz einfach nicht akzeptieren kann. Ich hab ja hier schon mehrere Stories zur Kritik der Psychoanalyse eingestellt, und ich denke, dass meine Ablehnung gut begründet ist. Insofern bin ich etwas hilflos, wenn jemand diese Theorie quasi-axiomatisch voraussetzt, so als müsste man deren Grundannahmen zwingend teilen. Dazu besteht allerdings überhaupt kein Grund, weil z.B. schon Begriffe wie „Trieb“ sich nicht einfach plausibilisieren lassen und auch sonst jeder empirischen Überprüfung entziehen.

    - Was den Begriff des Patriarchats angeht, denke ich doch, dass der in der feministischen Diskussion mittlerweile ziemlich fragwürdig geworden ist. Vielleicht kennst du ja die folgende Passage von Judith Butler, die die an diesem Konzept geleistete Kritik sehr gut zusammenfasst:

    Die politische Annahme, daß der Feminismus eine universale Grundlage haben müsse, die in einer quer durch die Kulturen existierenden Identität zu finden sei, geht häufig mit der Vorstellung einher, daß die Unterdrückung der Frauen eine einzigartige Form besitzt, die in der universalen oder hegemonialen Struktur des Patriarchats bzw. der männlichen Herrschaft auszumachen sei. Allerdings ist die Vorstellung von einem universalen Patriarchat in den letzten Jahren auf breite Kritik gestoßen, weil sie unfähig ist, den spezifischen Vorgehensweisen der Geschlechterunterdrückung (gender oppression) in den konkreten kulturellen Zusammenhängen Rechnung zu tragen. Werden diese vielfältigen Kontexte in der Theorie in Betracht gezogen, so stets, um „Beispiele“ oder „Anschauungsmaterial“ für ein universelles Prinzip zu finden, das von Anfang an vorausgesetzt war. Diese Form feministischer Theoriebildung ist nicht nur der Kritik anheimgefallen, weil sie die nichtwestlichen Kulturen kolonisiert und als Träger westlicher Vorstellungen von Unterdrückung dienstbar macht. Darüber hinaus versucht sie, gleichsam eine sogenannte „Dritte Welt“, ja einen „Orient“ zu konstruieren, indem sie unterschwellig die Geschlechter-Unterdrückung als symptomatisch für eine wesentlich nicht-westliche Barbarei erklärt. Zweifellos verleiht der Feminismus dem Patriarchat einen universalen Status, um den Anschein des eigenen Anspruchs, repräsentativ zu sein, zu stützen. Doch hat diese Dringlichkeit bisweilen zu dem Kurzschluß geführt, dass die Herrschaftsstruktur eine kategoriale oder fiktive Universalität aufweist, die die unterworfene Erfahrung, die den Frauen gemeinsam ist, produzieren soll.

    Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter (Suhrkamp: Ffm., 1991), 18 f.

    Ich finde das eine ausgezeichnete Kritik, und abgesehen davon, dass das Geschlechterverhältnis nicht mein eigentlicher Arbeitsschwerpunkt ist, versuche ich in letzter Zeit, mich nicht länger an die ollen Patriarchatstheorien der 70er und 80er Jahre zu klammern, sondern orientiere mich stattdessen an dem von Robert W. Connell vorgeschlagenen Konzept einer „Geschichte der Männlichkeit“. Wobei Connell „Männlichkeit“ bzw. besser: „Maskulinität“ — und darauf spielt meine Bemerkung oben an — weniger als ein universales Konzept, sondern als ein spezifisches Projekt der Moderne auffasst — einer Moderne, deren Geschlechterverhältnis ziemlich wenig gemein hat mit der antiken Gewalt des „pater familias“, der dem Recht nach über Leben und Tod seiner Untergebenen entschied und dessen nahezu unbeschränkte Macht das Vorbild lieferte für den doch ziemlich ahistorischen Begriff des „Patriarchats“.

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