OrientalPop als rassistische Projektionsfläche

Seit 4 Jahren arbeite ich in der lesbischen und schwulen Szene immer wieder als Djane (weiblicher Diskjockey). Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß es sehr schwierig ist, Musik aufzulegen, die nicht ausschließlich nord-amerikanisch und west-europäisch ist, sondern auch nordafrikanische, hebräische, indische und türkische Popmusik zu integrieren. Die Musik aus diesen Ländern stößt auf Ablehnung mit der Begründung, sie sei für west-europäische Ohren nicht tanzbar, weil sie zu fremd sei. Da allgemein bekannt ist, daß ich Türkin bin, werden alle Musikrichtungen, sei es Klezmer, Rai, Arabicpop, Türkischpop, als türkisch eingeordnet und somit in einen Topf geworfen, was ich als einen undifferenzierten Eurozentrismus verstehe, weil sie möglicherweise Sexismus und Gewalt gegen Frauen propagieren könnten. So ist es auch einmal passiert, daß ein Mann-zu-Frau-Transe mich fragte, ob ich Musik aus nicht-patriarchalen Ländern hätte, weil gerade die arabische und türkische Kultur besonders patriarchal sei und Gewalt gegen Frauen angewandt würde im Gegensatz zu Deutschland. Hier fällt auf, daß Patriarchat, Sexismus und Rassismus als ein arabisches und türkisches Phänomen betrachtet werden. Sexismus und Frauenfeindlichkeit in westeuropäischen und nordamerikanischen Liedern wird im Gegensatz dazu nicht hinterfragt. Ferner hätte ich, um die Inhalte der Lieder zu verstehen, Übersetzerin sein müssen und keine Djane. Um sicher zu gehen, daß die Texte nicht sexistisch und für alle verständlich sind, müßten dann ausschließlich deutsche Lieder aufgelegt werden. Nichtsdestotrotz achte ich aufgrund meiner politischen Auffassung und Selbstverständnis sehr darauf, daß ich keine rassistischen und sexistischen Lieder auflege. Ich finde es sehr „bemerkenswert“, daß gerade die Inhalte dieser musikalischen Richtungen auf große Beachtung stoßen.

İpek İpekçioğlu, „Vom anderen Ufer. Lesbische und schwule Migrantenjugendliche.“ In: Iman Attia; Helga Marburger (Hrsg.), Alltag und Lebenswelten von Migrantenjugendlichen (Ffm., 2000), 174 Fn. 3.


3 Antworten auf “OrientalPop als rassistische Projektionsfläche”


  1. Gravatar Icon 1 Limo 23. Juni 2008 um 22:10 Uhr

    Ich hätte auch gerne mehr Musik aus nicht nationalistischen Ländern :d

  2. Gravatar Icon 2 lysis 23. Juni 2008 um 22:52 Uhr

    Ich hab irgendwie das Gefühl, dass ich bei dem Zitat eine Zeile ausgelassen habe, kann das aber jetzt nicht mehr nachvollziehen, weil ich das Buch schon abgegeben habe. :(

  3. Gravatar Icon 3 Entdinglichung 24. Juni 2008 um 12:15 Uhr

    „Musik aus nicht-patriarchalen Ländern“ … also nur noch Musik aus Meghalaya (wobei die evangelikalen Missionare dabei sind, die Region auf „Westniveau“ zu bringen), von der Guajira-Halbinsel und einigen anderen Gebieten und z.B. keine deutschsprachige Countrymusik mehr … finde ich gut und nicht schlecht … ;-)

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