Kann es eine Diskussion über den Islam geben, die nicht dumm ist?

Farish Ahmad Noorvon Farish Ahmad Noor

Es ist interessant über die idiotischen Zeiten nachzudenken, in denen wir leben. Besonders wenn man, wie ich, in nebulöse Dinge, die ‚Interkultureller Dialog‘ genannt werden, involviert ist. In den vergangenen vier Wochen habe ich an verschiedenen Dialogrunden zwischen Europäern und muslimischen Migrantencommunities in Amsterdam, Paris und Berlin teilgenommen und in jeder dieser Treffen bin ich Stereotypen über Muslimen und dem Islam begegnet. Jene waren so oberflächlich und kindisch, dass ich schon fast beschämt bin, diese hier zu wiederholen. Schlimmer noch als das platte Sinnieren über den Islam und die Muslime war, dass diese Gedanken nicht vom Ottonormalverbraucher kamen, sondern von denjenigen, die behaupten sich auszukennen und als Wissenschaftler und Historiker bewundert werden.

In einem dieser Treffen wurde mir folgendes gesagt: „Der Islam ist eine faschistische, Frauenhassende, Christentötende, Homosexuelle beschimpfende, männliche-macho Hass-Ideologie, die seit 14 Jahrhunderten auf Eroberungen, Blutvergießen, Mord und Vergewaltigung basiert. Deshalb kann es keine Integration von Muslimen in Europa geben, weil die Muslime, die wir hier haben, Primitive der arabischen Welt sind, die barbarisch, gewalttätig und brutal sind. Sie glauben nicht an die Vernunft und an die Aufklärung und die islamische Zivilisation hat nichts Wissenschaftliches, Rationales oder Humanes hervorgebracht.“ Versuchen Sie das Wort „Muslim“ mit Schwarz zu ersetzen und man wird sehen, wie weit hergeholt und rassistisch diese Behauptungen wirklich sind.

Warum ist es heutzutage so, dass wann immer über den Islam und die Muslime geredet wird, einige von uns denken, sie haben die Lizenz ihren IQ-Level um hundert Punkte zu senken? Ist die Rede über den Islam eine Lizenz irgendetwas Dummes, Beleidigendes, Provokatives zu sagen oder die Massen aufzubringen, um ein paar Schlagzeilen zu machen? In Holland forderte sogar ein Politiker ein Verbot für das Koranlesen, weil der Koran mit Hilters ‚Mein Kampf‘ zu vergleichen sei. Andere behaupten alle Muslime seien in erster Linie durch ihren Glauben geprägt, der nun mal irrational, unwissenschaftlich und gegen die Aufklärung sei.

Ich war getroffen von der eigenwilligen Blindheit der so genannten ‚liberalen‘ und ‚rationalen‘ Europäer, ihrer Unfähigkeit, sowohl Dinge in eine verhältnismäßige Perspektive zu setzen als auch ihre Unfähigkeit, ihre Annahmen von sich selbst zu hinterfragen. In meiner Arbeit als akademischer Aktivist habe ich versucht, diese großen Narrative von der offiziellen Geschichte zu zerlegen, sei es auf der Ebene des Staates oder der Religion. Ich bin der Tatsache bewusst, dass die Geschichtsschreibung ein umstrittener Prozess ist, der zumeist von den Gewinnern einer Gemeinschaft betrieben wird und nicht von den besiegten oder marginalisierten Stimmen. Ist es dann eine Überraschung, dass die Geschichte des Westens nur die Geschichte von weißen, männlichen, mittelständischen Stimmen ist? Wo ist die Geschichte der Frauen und der Partizipation von Frauen an Politik, Wirtschaft und Nationsbildung? Erst seit Neustem durch die Avancen der feministischen Geschichtsschreibung und der dekonstruktiven Geschichte, wie der von Simon Schama und deren Gleichen, haben wir eine Geschichtsschreibung gesehen, die inklusiv, plural und nachgefragt ist.

Jetzt werden die bewussten Historiker Sie informieren, dass es schon immer Gegenströmungen zur dominanten Geschichtsschreibung gibt und gab, sowohl im Westen als auch in der muslimischen Welt (sowie es auch liberal progressive Gegenströmungen gegen orthodox-konservativen Hinduismus, Buddhismus Christentum und Judentum gibt.) Darüber hinaus existieren alle Zivilisationen und Kulturen in relationalen Begrifflichkeiten und sie entwickeln sich in Relation mit- und zueinander: Es wäre lächerlich zu behaupten, die Europäische Aufklärung sei lediglich ein selbst generierter Fall eines isolierten Genius, wo wir doch alle wissen, dass die europäische Zivilisation in Interaktion mit der muslimischen Zivilisation entstanden ist, so wie die muslimische Zivilisation in Relation zu und mit der chinesischen, indischen und persischen Zivilisation sich entwickelt hat.

Natürlich sind die Muslime in der Welt heute Geiseln einer Geschichte, die bestimmt ist von Herrscher-Eliten oder ihren konservativen Lakaien, wie den Wahabiten in Saudi-Arabien. Von den Stiftern dieser konservativen Sektierer bekommen wir nur eine statische Beschreibung der muslimischen Geschichte, die aus der Sicht der Könige, Sultane und Diktatoren – wie die Geschichte des Iraks, die in der Zeit von Saddam Hussein geschrieben worden ist – oder die verdrehte Geschichte der Araber, geschrieben von dem Establishment nahe stehenden Wahabiten. Aber hier muss wieder die Frage gestellt werden: Wie war dieses geschichtliche Ausradieren möglich und wer steckte dahinter? Leider muss auch hier mitunter der Zeigefinger auf den aufgeklärten Westen gerichtet werden, der in Diktatoren wie Saddam Hussein und der saudischen Königsfamilie strategische Verbündete sah.

Das Emporkommen des konservativen, fundamentalistischen, sektiererischen und gewaltsamen Islams wurde während des Kalten Krieges von westlichen Staaten unterstützt, was zum Aufstieg von Männern wie Saddam Hussein, den anti-sowjetischen Mujahedin und später den Taliban führte. Jene wiederum haben das plurale Vermächtnis der muslimischen Welt zerstört. Dennoch beschuldigen westliche Liberale heutzutage die Muslime, keine Geschichte zu haben und dass ihre eigene Geschichte eine Geschichte der Gewalt sei. Wo ist der aufgeklärte Geist von Selbstkritik und Selbsterkenntnis? Eigentlich sollten die Liberalen im Westen nicht überrascht sein, vom Aufstieg der fundamentalistisch-muslimischen Regime in der Welt, wenn es doch ihre eigenen Regierungen waren, die diese anti-christlichen, anti-Frauen und anti-Homosexuellen Regimes an erster Stelle unterstützt haben, angeblich strategischer Allianzen halber, aber im Grunde für die Sicherung der Lieferung des viel gebrauchten Öls?

An dieser Stelle entschuldige ich keineswegs fundamentalistische konservative Muslime, weil es gewiss rechte Muslime gibt, die man nur als Faschisten im wirklichen Sinne des Wortes bezeichnen kann. Aber genauso wie Muslime heutzutage aus ihrer Hülle hinaustreten müssen und der Realität ins Gesicht blicken müssen, genauso müssen es die Europäer auch tun, die behaupten ach so aufgeklärt und liberal zu sein. Europas Aufklärungsprojekt hat nicht nur seine eigenen Unzufriedenheiten, sondern auch seine eigenen Anomalien.

Zu behaupten, dass jeder einzelne Europäer heute ein Produkt dieses geschichtlichen Prozesses ist, wäre so simplifizierend als würde man um den Glauben betteln. Wenn das der Fall sein sollte, dann könnten wir vielleicht fragen, wie aufgeklärt die Europäer waren als sie Asien und Afrika kolonisierten. Schauen Sie auf die Weltkarte und sehen Sie wie viele Flicken heute auf der Welt – von Nord-Amerika bis Australien – Erinnerungen an die koloniale Expansion sind, welche von einer irrationalen Gier, einem irrationalen Rassismus und einem irrationalem Hass gegen das Andere motiviert war, und nicht geleitet von Werten der Vernunft oder des universalen Humanismus. Sagen Sie mir, war es Kant oder Descartes, der den Kolonialisten sagte, in Australien einzufallen und es zu besetzen, die Aborigines von Tasmanien auszurotten und ihre Köpfe als Trophäen aufzuhängen? Oder die Körper der nordamerikanischen Indianer zu enthäuten, um daraus Stiefel und Tabakbeutel zu machen? Wo war da die europäische Aufklärung? Im Schlaf?

Dr. Farish Ahmad-Noor ist Politikwissenschaftler und Historiker am Zentrum Moderner Orient (Berlin) und Gastprofessor an der Universitas Muhammadiyah Surakarta (UMS) und an der Sunan Kalijaga Islamic University in Jogjakarta (Indonesien). Außerdem ist er einer der Gründer der Forschungsseite www.othermalaysia.org.

Zuerst gebloggt auf: duckhome.de (bigberta).
Englischer Originalartikel unter: othermalaysia.org (25. September 2007).
Deutsche Übersetzung: tlaxcala.es.

Schlaf der Aufklärung„Wo war da die europäische Aufklärung?“


22 Antworten auf “Kann es eine Diskussion über den Islam geben, die nicht dumm ist?”


  1. Gravatar Icon 1 Thommen 26. September 2008 um 13:24 Uhr

    „Natürlich sind die Muslime in der Welt heute Geiseln einer Geschichte, die bestimmt ist von Herrscher-Eliten oder ihren konservativen Lakaien, wie den Wahabiten in Saudi-Arabien.“
    Ich frage hier einfach nur: Warum ziehen Muslime nicht weltweit die entsprechenden Konsequenzen? Warum lassen sie sich die Mhullas und Moscheen noch von diesen zT verbrecherischen Kreisen bezahlen?

    Der bemühte Autor vergisst ganz einfach, dass sich das Judentum und das Christentum von ihren faschistisch-patriarchalen Wurzeln ganz wesentlich emanzipiert haben. Es dürfte doch nachdenklich stimmen, dass es zur Männlichkeit gehört, niemals im Leben penetriert worden zu sein (Homosexualität)! In dieser Frage (die auch die Stellung der Frau betrifft) sind sich Muslime, Juden und Christen im fundamantal-ideologischen Verständnis weltweit einig!

    Christen haben besonders Mühe, nach Luther, Zwingli und anderen Reformisten, wieder mit so altbackenen Diskursen konfrontiert zu werden, die sie schon – auch mit Waffen – mit den Katholiken geführt haben.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 26. September 2008 um 14:59 Uhr

    Die Wurzel des Faschismus liegt also im Judentum? Nee, sorry, aber das nächste Mal lösch ich.

  3. Gravatar Icon 3 dirk 26. September 2008 um 14:59 Uhr

    Meinst Du den Luther, der alle Juden verbrennen lassen wollte?

  4. Gravatar Icon 4 lysis 26. September 2008 um 18:25 Uhr

    Thommen scheint so wenig Ahnung von Geschichte zu haben, dass er glaubt, ausgerechnet die Protestanten hätten mit der Verbrennung von Hexen und Sodomiten Schluss gemacht. Dabei war Luther ein glühender Verfechter der Hexenverfolgung und griff in seiner Polemik gegen den Papst auch gern auf den Sodomievorwurf zurück. Noch Jahrhunderte nach Luther wurden im protestantischen Preußen Männer wegen gleichgeschlechtlichen Sexes enthauptet. Wo ist da der Fortschritt, den die Reformation gebracht haben soll?

  5. Gravatar Icon 5 Thommen 26. September 2008 um 19:31 Uhr

    Das tragische an den monotheistischen Religionen ist ja gerade ihr totalitär-männliches Potential. Wieso der Islam hier in der Diskussion von allen Anderen ausgenommen werden soll, ist in diesem Zusammenhang und aus aktueller Situation hanebüchen…

    Zumal es immer um die Vernichtung von Menschenleben geht. Wer als Angehöriger irgendeiner dieser monotheistischen Religionen sich gerne zum Opfer stilisiert, oder den anderen Angehörigen mit deren Untaten konfrontiert, um von den eigenen Tätern abzulenken, entlarvt nur das eigene „religiöse Potential“.

    Es ist wie bei den Griechen: Die Religion ist der Spiegel der Menschen die sie geschaffen haben! Entweder kommen alle in die gleiche Kritik, oder wir verzichten auf larmoyantes Gelaber!

  6. Gravatar Icon 6 lysis 26. September 2008 um 20:12 Uhr

    Hören Sie mal, Herr Thommen, „den Islam“ gibt es nicht. Das ist eine essenzialistische Konstruktion, die von Geschichte und den ihr eingeschriebenen sozialen Kämpfen zwischen Rationalisten, Mystikern, Buchenstabengläubigen, Häretikern und Fundamentalisten abstrahiert. Indem Sie den Islamisten die Definitionsmacht überlassen, was als islamisch anzusehen sei und was nicht, kollaborieren Sie de facto mit deren Herrschaftsanspruch und entziehen liberalen Ansätzen noch ein zweites Mal die Legitimation, im Namen „des Islam“ sprechen zu dürfen. Hier deckt sich ihr Feindbild mit dem Selbstbild der Islamisten, die für sich in Anspruch nehmen, ihre Religion als einzige authentisch zu vertreten.

    Und dass etwas männlich sei, ist ja nun kein Argument. Schließlich ist der Inhalt von Männlichkeit selbst historischen Konstruktionsprozessen unterworfen und stellt nicht die transhistorische Bühne dar, auf der sich Geschichte ereignet. Auch hier pflegen Sie einen Essentialismus, der sich gewaschen hat.

    Darüber hinaus scheint es mir problematisch, wie feministische Argumente immer häufiger, und zwar ausgerechnet von Männern wie Ihnen, für dualistische Feindbildkonstruktionen und rassistische Ausgrenzungspraktiken instrumentalisiert werden. Ich denke nicht, dass das im Sinne der Erfinderin war. ;)

  7. Gravatar Icon 7 lysis 26. September 2008 um 20:58 Uhr

    Konkret meine ich, dass es sinnvoller wäre, islamistische Homohasser wie den Fundi-Konvertiten Erich Salim Spohr persönlich anzugreifen, als „den Islam“ für seine kaputten Hetzpredigten in Sippenhaftung zu nehmen. Die zweite Vorgehensweise wäre verheerend: Statt darauf zu drängen, dass sich gemäßigte Muslime von Leuten wie Spohr distanzieren, würde man eher noch Solidarisierungseffekte auslösen, weil man in Spohr nicht den Homohasser, sondern die Religion attackierte, was seinen Anspruch, für „die Muslime“ zu sprechen, auch noch öffentlich unterstreichen würde.

    Nicht dass ich gegen Religionskritik als solche wäre; aber ich finde es unnütz und kontraproduktiv, das an einzelnen spektakulären Themen zu exerzieren, statt die Religion auf einer grundsätzlichen erkenntnistheoretischen Ebene zu erledigen. Denn wenn du Fundis wie Spohr vorwirfst, der Islam sei ja „gegen Homosexualität“, antworten die dir nur kalt lächelnd mit einem: „So what?“ Dann hast du sie auch noch bestätigt statt sie zu kritisieren, und da frag ich mich schon, ob du das wirklich willst.

  8. Gravatar Icon 8 Thommen 26. September 2008 um 21:00 Uhr

    Es ist Ihre Taktik, hier (pseudo)wissenschaftliche Theorien zu zitieren und mit Fremdwörtern um Euch zu schmeissen! Es gibt auch nicht DAS Christentum oder Judentum. Also fällt die Argumentation zurück…

    Ich gehe von der Ur-Klassengesellschaft der Männer und Frauen – also der Ficker und der Gefickten (türk. Ibne/ler, arab. verwandt ibn) aus. Daraus leiteten sich auch die Kleidervorschriften ab, die den Kleiderwechsel für die Geschlechter ja auch verboten haben! Das war die Grundlage der Monotheismen. Alles andere Theologische ist dazuerfunden. Von denen, die mit Religionen Macht ausüben wollen!
    Ich habe eine gute Kenntnis der biblischen Schriften und fühle mich durchaus einem Juden und Moslem als normaler Mensch in der Diskussion gewachsen. Also sparen Sie sich bitte die hoch-genderische Wissenschaftssprache, die eh niemannd/niefrau versteht.

  9. Gravatar Icon 9 Thommen 26. September 2008 um 21:12 Uhr

    Ich bitte Sie einfach, hier nicht weitere Begriffe in die Diskussion einzuführen, die sich ja um die Kritik am Islam und den daraus hervorgehenden Probleme dreht. Entweder ist sie verboten, oder die Kritiker haben kein Sprachrohr, um sie genügend zu verbreiten…

    Es gab frühere Zeiten, in denen die Religionen fair miteinander gestritten haben, nicht nur Kriege geführt.
    Über die Verbrechen der Religionen wird wohl ihr jeweiliger Gott zu Gericht sitzen! Mir fällt nur immer auf, dass die Gläubigen immer genau wissen wollen, was ihr Gott im Augenblick will…

    Emanzipation des Menschen bedeutet, sich auch vom Totalitären einer Religion (oder Geschlechtsrolle) zu emanzipieren. Ich erinnere Sie an Hiob!
    Die Ur-Klassengesellschaft wehrt sich gegen jegliche Vermischung von Geschlecht und Verhalten, wiewohl sie heute genau weiss, dass es schon biologische Un-Eindeutigkeiten gibt und daraus notwendigerweise auch soziale und psychische Vermischungen entstehen müssen… Das erklärt auch den Blut- und Boden Mythos, den sie transportieren. Alles muss REIN sein, obwohl es das in der Schöpfung nirgendwo gibt.

  10. Gravatar Icon 10 lysis 26. September 2008 um 21:19 Uhr

    Ihre Intellektuellenfeindlichkeit in Ehren, aber es muss erlaubt sein, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass Sie von den Themen, von denen Sie gerade sprechen, nur eine recht oberflächliche Ahnung haben. Arabisch „Ibn“ bedeutet Sohn. „Ibne“ dagegen leidet sich von arab. „ubna“ (passives Verlangen) ab. Das ist aber ein medizinischer und kein religiöser Begriff. Er kommt in der Religion überhaupt nicht vor, weil die Rechtswissenschaft (fiqh) an keiner Stelle nach Aktiven und Passiven differenzierte.

    Ebensowenig gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Monotheismus und der Einteilung in „Ficker“ und „Gefickte“. Letztere findet man auch in vielen polytheistischen Gesellschaften, sei es dem alten Ägypten, der griechisch-römischen Antike oder dem klassischen chinesischen Kaiserreich. Man findet sie auch in den germanischen Volksrechten, etwa bezogen auf das vorchristliche Verbot, einen anderen Mann des passiven Verkehrs zu zeihen.

    Ihre historischen Großableitungen blamieren sich am empirischen Detail. Da kann ich nur mit Husserl sagen: „Geben Sie Kleingeld!“

  11. Gravatar Icon 11 lysis 26. September 2008 um 22:00 Uhr

    Daraus leiteten sich auch die Kleidervorschriften ab, die den Kleiderwechsel für die Geschlechter ja auch verboten haben!

    Eine solche Vorschrift gibt es im Alten Testament, ja. Aber im Osmanischen Reich waren die köçekler, die jungen Tänzer in Frauenkleidung, nicht nur ein anerkannter Bestandteil des Lebens, sondern auch äußerst umworbene Sexualobjekte.

    Wenn ich mich recht erinnere, hatte selbst Mohammed Transvestiten in seinem Haushalt (s. Rowson, „The effiminates of early Medina“). In Pakistan gibt es noch heute die „Hidschras“ und in Oman die „Khanith“ als von der Bevölkerung akzeptiertes „drittes Geschlecht“.

    Auf Youtube gibt es übrigens unzählige Videos von „köceks“, den erwähnten Tänzern in Frauenkleidung. Dies gilt in der Türkei als eine alte Tradition, die man auch in einer modernen, heteronormalisierten Ära wie der unseren nicht ganz aufgeben wollte. Allerdings ist es heute nur noch folkloristischer Spaß, während köçek früher mal ein eigener Berufsstand war, der vor allem von Juden, Griechen und Armeniern ausgeübt wurde.

  12. Gravatar Icon 12 lysis 26. September 2008 um 22:17 Uhr

    Hier das Originalfoto eines köçek aus dem späten 19. Jahrhundert:

    … und hier die moderne, folklorisierte Fassung in einer türkischen Fernsehshow:

  13. Gravatar Icon 13 lysis 27. September 2008 um 10:24 Uhr

    Total verboten, so was:

    Ist die totale Ausnahme, deswegen gibt’s auf Youtube auch bloß 1.150 verschiedene köcek-Videos.

  14. Gravatar Icon 14 lysis 27. September 2008 um 12:01 Uhr

  15. Gravatar Icon 15 lysis 27. September 2008 um 23:07 Uhr

    Was wollen Sie eigentlich von mir? Rutschen Sie mir doch den Buckel runter!

    Glauben Sie, ich hab Lust, meinen IQ für eine Auseinandersetzung mit Ihren lächerlichen Karikaturen des „Anderen“ um 100% zu senken? Gehen Sie doch lieber wieder zu den rassistischen Ferkeln von Gaywest, die freuen sich bestimmt schon auf eine weitere Stereotypen-Schleuder, die die Welt zu ihrer muffig-identitären Lebensweise bekehren will und dafür jeden anderen, der sein Begehren weder in der gleichen kommerziellen Weise organisieren kann noch vielleicht sogar möchte wie die paar reichen Subkultur-Homos in den imperialistischen Metropolen, durch ein paar aufgeschnappte und aufs übelste kolportierte Klischees denunzieren und öffentlich herabstufen muss.

  16. Gravatar Icon 16 lysis 27. September 2008 um 23:47 Uhr

    Indem sie zu Diskursen über Homosexuelle anreizt, wo vorher keine existierten, heterosexualisiert die Schwule Internationale in Wirklichkeit eine Welt, die gezwungen wird, sich durch einen westlichen Binarismus fixieren zu lassen. Da die meisten nicht-westlichen Gesellschaft, einschließlich muslimisch-arabischer Gesellschaften, historisch diesen Kategorien nicht gefolgt sind, ruft ihre Aufzwängung alles andere als befreiende Resultate hervor […]

    Wenn die Schwule Internationale zu Diskursen über Homosexualität in der nicht-westlichen Welt anreizt, behauptet sie, dass die “Befreiung” derjenigen, die sie verteidigt, in der Waagschale liege. Durch Vermählung mit diesem Befreiungsprojekt jedoch zerstört die Schwule Internationale soziale und sexuelle Konfigurationen des Begehrens im Interesse der Reproduktion einer Welt nach ihrem Bilde, eine, worin ihre sexuellen Kategorien und Begierden sicher davor sind, in Frage gestellt zu werden. Da sie von indigenen arabischen und muslimischen Informanten, die zumeist in den Vereinigten Staaten leben und ihre sexuellen Kategorien und Identitäten akzeptieren, Unterstützung erbettelt und in geringem Maß erhalten hat, schreitet die imperialistische epistemologische Mission der Schwulen Internationale mit nur wenig Widerstand von Seiten der Mehrheit jener sexuellen Wesen voran, die sie “befreien” will und deren soziale und sexuelle Welten sie in diesem Prozess zerstört. Indem sie dieses universalisierende Projekt unternimmt, sorgt die Schwule Internationale zuletzt dafür, dass sie sich besser fühlt angesichts einer Welt, die sie zwingt, ihre Identifikationen zu teilen. Der Abschluss ihrer Mission wird jedoch nicht die Schaffung eines queeren Planeten, sondern die eines Hetero-Planeten sein. — Joseph Massad, Re-Orienting Desire.

  17. Gravatar Icon 17 01267 01. Oktober 2008 um 11:42 Uhr

    Ja natürlich, „den“ Islam gibt es nicht, aber „den“ Westen, „die“ Christen, „die Aufklärung“ usw. gibt es sehr wohl; zumindest verwendet auch lysis diese begriffe ohne allzugroße Differenzierung.

    Ein billiger, rhetorischer trick.

  18. Gravatar Icon 18 Thommen 01. Oktober 2008 um 16:24 Uhr

    Es ist offensichtlich, dass ich und meine Beiträge auf diesem Blog in den Augen des Bloginhabers unerwünscht sind, weil sie nicht in sein Weltbild hineinpassen. Ausserdem sind die Qualifikationen Anderer, die er verwendet herabwürdigend und unakzeptabel. Ich werde dem Wunsch entsprechen und keine Beiträge mehr schreiben! Allah u akhbar. Wer hat den Grössten? ;)

  19. Gravatar Icon 19 lysis 02. Oktober 2008 um 20:54 Uhr

    Wenn Sie sich an der Qualifizierung von Gaywest als Ansammlung rassistischer Ferkel stören, haben Sie hier in der Tat nichts verloren.

  20. Gravatar Icon 20 Andrea Mayer-Edoloeyi 02. November 2008 um 12:02 Uhr

    Hervorragender Text! Ich habe mir erlaut, diesen zu verlinken.

  21. Gravatar Icon 21 joshua 15. Februar 2009 um 4:59 Uhr

    @lysis
    tatsächlich unterscheidet das islamische recht je nach rechtsschule zwischen aktiven und passiven part, weit mehr noch aber hat die eingenommene „rolle“ konsequenzen für das soziale ranking…
    fand deine analysen sehr gut, wundere mich um so mehr sie unter so anstrengend kulturrelativistischen texten zu finden, bzw. wenn du mit solchen argumentierst.

  22. Gravatar Icon 22 lysis 19. Februar 2009 um 3:05 Uhr

    Es gibt nur eine islamische Rechtsschule, die zwischen Aktiven und Passiven unterscheidet — die Schafi‘iten —, und dies nicht etwa zugunsten des Aktiven, sondern im Gegenteil: zu dessen Lasten.

    Was den Vorwurf des Kulturrelativismus angeht, so halte ich diesen für maßlos inflationiert. Ich kann weder in dem Text von Farish Ahmad Noor, noch in dem von mir zuletzt verwendeten Zitat von Joseph Massad auch nur die geringste Spur von „Kulturrelativismus“ erkennen. Im Gegenteil: beide halten an universalistischen Maßstäben fest, nur dass sie es sich nicht nehmen lassen, auch den Westen daran zu messen.

    Ausgerechnet das gilt ja paradoxerweise bei vielen heute bereits als kulturrelativistisch, obwohl es doch das gerade Gegenteil ist: nicht hinzunehmen, dass ein Maßstab (und welcher, ist natürlich auch eine Frage!) nur an einer Seite angelegt wird. Aber das ist ja der wahre Skandal, den Leute im Auge haben, die andere inflationär des Kulturrelativismus bezichtigen: dass der Westen nicht mehr wie früher, zu alten Kolonialzeiten etwa, der ungemessene Vermesser sein darf, der anderen — per Massentötung — „zivilisierte“ Manieren beibringt.

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