ZAG 53 mit Schwerpunkt Homophobie

ZAG 53: Homophobie Soeben ist die 53. Ausgabe der antirassistischen Zeitschrift ZAG mit dem Schwerpunkt Homophobie erschienen. Unter anderem setzt sich dort Koray Yilmaz-Günay mit der vom LSVD bestellten Simon-Studie auseinander, die aus der Sicht des Auftraggebers „endlich“ belegen sollte, dass so genannte Migranten-Jugendliche homophober seien als deutsche. Koray, langjähriger Berliner Aktivist der Gays & Lesbians aus der Türkei (GLADT e.V.), legt die Finger in die fatalen Schwächen der Studie und zeigt, wie sehr bei ihr kulturalistische Vorannahmen die Feder geführt und die in der Presse reißerisch aufgegriffenen Ergebnisse vorgezeichnet haben. Andere Faktoren als Ethnizität wurden dagegen systematisch unsichtbar gemacht:

Zwischen der Herkunft aus der UdSSR und der Herkunft aus der Türkei scheint es – was die Einstellungsebene anbetrifft – keinen Unterschied zu geben. Offensichtlich sind politische, soziale, kulturelle und religiöse Unterschiede in der Sozialisation keine Faktoren, die sich – im Ergebnis – unterschiedlich auswirken. Leider geht die Studie dieser Frage nicht nach. Die Erfahrungen als Deklassierte und Diskriminierte werden angesprochen, ihre Wirkung allerdings nicht interpretiert. Was das Bekenntnis zur Religiosität angeht und die Bedeutung der Familie, die beide offensichtlich eine besondere Rolle im Identitätsfindungsprozess in der Migration spielen, bereitet die Untersuchung zwar auf. Wie der Zusammenhang mit Lesben- und Schwulenfeindlichkeit aussieht, bleibt dagegen bedauerlicher Weise im Dunkeln.

Vollkommen gleichgültig hingegen scheinen dem Team um Bernd Simon soziale, ökonomische und aufenthaltsrechtliche Rahmenbedingungen gewesen zu sein. Der systematische Ausschluss von Bildung, der dank Pisa sogar bei konservativsten PolitikerInnen als Erkenntnis angekommen ist; das Gesetz der Nachrangigkeit auf dem Arbeitsmarkt; Risiken, was Armut und Gesundheit angeht – alles keine Themen, die im Bezug auf Menschenfeindlichkeit eine Rolle spielen.

Interessant für die ForscherInnen sind offensichtlich – wenig überraschend angesichts des Auftraggebers LSVD – kulturellreligiöse Bezüge vor allem der türkischen jugendlichen Befragtengruppe. Ungleich der christlichen Jugendlichen mit Wurzeln in der ehemaligen UdSSR wird hier auf die homophoben Tendenzen abgehoben, obwohl die Unterschiede im Bezug auf die Bedeutung der Religion kaum Unterschiede aufweisen. Der Studie immanent ist auch die Ignoranz gegenüber der eigens konstatierten Kumulation von Diskriminierungserfahrungen und dem Mangel an Kontakten zu Lesben und Schwulen. Würden die AutorInnen der eigenen Hypothese folgen, müsste die Homosexuellenfeindlichkeit bei türkeistämmigen Jugendlichen deutlich höher ausfallen, da bei türkischen Jugendlichen sowohl der Bezug zur Religion größer als auch die Diskriminierungserfahrungen häufiger und der Kontakt zu Homosexuellen geringer sind.

Am meisten verwundert bei der Betrachtung der Ergebnisse allerdings der Umstand, dass der Kategorie »Geschlecht« so wenig Bedeutung geschenkt wird. Vermeintlich werden Männlichkeitskonstruktionen betrachtet, die Konstruktion von Weiblichkeit(en) bleibt allerdings außen vor. Der Verdacht liegt nahe, dass genderspezifische Aspekte vor allem dann von Interesse sind, wenn sich damit der ohnehin vorhandene Verdacht einer besonderen Hypermaskulinität belegen lässt. Dem vollkommenen Außerachtlassen von Geschlechterverhältnissen mag es dann auch geschuldet sein, dass die zum Teil immens hohen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Befragten nicht zum Gegenstand der Analyse werden. Es sind offensichtlich »Ethnizität« und »Islam«, die hier untersucht werden sollen – zum Teil gegen die eigenen Vorausannahmen und Ergebnisse.

Festzuhalten bleibt, dass das Erkenntnisinteresse der Erhebenden ein ums andere Mal offensichtlich die Ergebnisse vor formuliert hat. Damit ist die Chance vertan worden, eine wichtige empirische Lücke zu schließen. In der Debatte über das Verhältnis zwischen (heterosexuellen) MigrantInnen und (deutschen) Schwulen sind wir weiterhin darauf angewiesen, von Mutmaßungen auszugehen, die von kulturalistischen Vorausannahmen geprägt sind – und von dem Bestreben von schwulen Männern, auf Kosten von Frauen, Transpersonen und MigrantInnen endlich »dazu gehören« zu dürfen. Es ist auch in, mit und nach dieser Untersuchung nicht möglich, sich von starren »Opfer«- und »Täter«-Zuschreibungen zu lösen, das komplizierte und komplexe Geflecht von eigener Ausgrenzung und der Ausgrenzung von anderen im Kontext zu denken. Was übrig bleibt, ist ein fahler Geschmack, der vor allem lesbischen Migrantinnen und schwulen Migranten das Signal gibt, dass sie sich entscheiden müssen, ob sie lieber über Rassismus oder über Homophobie sprechen wollen. Offensichtlich ist in dieser Gesellschaft noch nicht die Zeit gekommen, die Bedingtheiten zwischen beiden Phänomenen zu denken.

Applaus, dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!

Ein weiterer, von der Redaktion online gestellter Text von Martin Giese beschäftigt sich darüber hinaus mit dem Dauerbrenner-Thema Homophobie in Reggae und Hip-Hop.

In der Druckausgabe finden sich außerdem Texte zur Kulturalisierung von Homophobie in der islamischen Welt, zu lesbischem Widerstand in Polen und die Dokumentation einer Diskussion über Diskriminierung im Reggae.

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2 Antworten auf “ZAG 53 mit Schwerpunkt Homophobie”


  1. Gravatar Icon 1 Wendy 23. November 2008 um 14:41 Uhr

    Schlimmes Cover.

  2. Gravatar Icon 2 fert 23. November 2008 um 17:05 Uhr

    Hm… in dem Text von Giese fehlt doch irgendwie die Analyse.
    Das ist doch einfach nur ne Zustandsbeschreibung. Ja… man hat das alles mitgekriegt von BeenieMan und Eminem… die „Bitches“ und „Faggots“ sind bekannt… und nun? Man hätte vermutlich den gleichen Artikel vor (gefühlt) 10 Jahren schreiben können.

    Enttäuscht.

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