Interview mit Radio Corax

Thema: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt

Bilder über den Islam sind in Europa ziemlich simpel strukturiert. Moslems oder Islamisten – egal, die werden schnell in einen Topf geworfen, die seien aggressiv, die verabscheuten die westliche Kultur, unterdrückten die Frauen und hassten Homosexuelle. Ironischerweise hat gerade der Westen während der Kolonialisierung diese Sichtweisen in der Islamischen Welt geprägt. Vorher sah die ganz anders und viel toleranter aus… Georg Klauda hat sich literarisch mit der Herkunft der Heteronormativität im Islam befasst. Dazu hat ihn Radio Corax am Telefon interviewt.

(via freie-radios.net)


10 Antworten auf “Interview mit Radio Corax”


  1. Gravatar Icon 1 Thommen 04. Dezember 2008 um 18:20 Uhr

    Die Homophobie ist das Produkt der Verdrängung von Homosexualität in ALLEN Gesellschaften. Sie beruht auf der Angst vor analer Penetration, was einen Mann nach vielfältiger kultureller und religiöser Anschauung automatisch „zur Frau“ macht.
    Auch Frauen, die sich richtigen Sex nur als Penetration vorstellen können, oder diese Erfahrung machen, sehen oft die Homosexualität im gleichen fahlen Licht. Leider wird diese Homophobie aber selten artikuliert, beschrieben und somit fassbar gemacht. Daher nützt es nichts über die Zärtlichkeit von Männern in anderen Kulturen zu schwadronieren. Die Angst muss benannt werden.
    Nicht zu vergessen, dass der römische Geschichtsschreiber von den Kelten überliefert hat, dass diese – trotz der grossen schönen Frauen – angeblich lieber mit zwei Männern im Bette sein würden…
    Von wegen westlicher Tradition.

  2. Gravatar Icon 2 Thommen 04. Dezember 2008 um 18:24 Uhr

    Hier noch der Link zu den Kelten, Galliern und Diodorus
    http://www.arcados.com/?page_id=37 (Nach einem Text von Gerhard Herm)

  3. Gravatar Icon 3 lysis 05. Dezember 2008 um 8:21 Uhr

    Ja, was jetzt? „Verdrängung von Homosexualität“ oder „Angst vor analer Penetration“? Die Gleichsetzung ist eben falsch, ideologisch und ahistorisch. Der Begriff „Homosexualität“ stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und bezeichnet die Idee, dass Liebe zwischen männlichen Personen Folge einer „abartigen Veranlagung“ sei. Solche Denkformen in die Antike zu projizieren, ist verkehrt und nicht besonders erkenntnisfördernd. So was hat man in den Matriarchatstheorien der 70er Jahre gemacht, die die Gegenwart aus ihrer Betrachtung der Vor- und Frühgeschichte deduzierten und mit gutem Grunde fallen gelassen wurden, weil die Vorstellung, dass es seitdem keine wesentlichen Transformationen der Geschlechter- und Sexualverhältnisse mehr gegeben hätte, schon bald als abwegig erkannt und zurückgewiesen wurde — mal ganz davon abgesehen, dass sich diese Theorien in zentralen Punkten als irrige Spekulationen erwiesen haben. Die Werke von Gisela Bleibtreu-Ehrenberg, Gerda Lerner oder des (ziemlich brutal homophob argumentierenden) Ernest Bornemann werden deshalb heute praktisch nicht mehr rezipiert. Das sind nur noch Beispiele für Thesen in der Wissenschaft, die aufgrund ihrer paradigmatischen Unbrauchbarkeit forschungsgeschichtlich ausgesondert wurden und gegenüber zeitgenössischen Ansätzen wie dem historischen Konstruktivismus (siehe z.B. David Greenberg, The Construction of Homosexuality, was allerdings noch ein mit gewissen Ambivalenzen behaftetes Übergangswerk zum neuen Paradigma ist) als nicht mehr konkurrenzfähig gelten.

    PS: abdel kader hat dazu mal einen sehr schönen Beitrag geschrieben, der zeigt, wie verkehrt diese ursprungsmythologischen Thesen sowohl in historischer als auch ethnologischer Hinsicht tatsächlich waren.

  4. Gravatar Icon 4 Thommen 05. Dezember 2008 um 14:20 Uhr

    Es gibt kein „Entweder“ oder! Ich war selber nie ein „Analerotiker“ aber die Homophobie speist sich auch aus der Verdrängung von analer Lust, die wir ja alle sehr gut – im umgekehrten Genuss von innen – kennen!
    Ich meinerseits verweise auf eine türkische Publikation, die ich auf meinem Blog zitiere. (http://www.arcados.com/?page_id=33)

    Klar kann man aus der Sicht von heute nicht unser Bild von Homosexualität in die Geschichte zurückprojizieren. Aber der Analverkehr lässt sich weder umdeuten, noch zurückdeuten. Er war schon immer DAS Symbol von Unmännlichkeit für den Passiven. Wieso früher (zB. in der Bibel) eher darauf verwiesen wurde und heute praktisch immer „darum herum“ geredet wird, kann wohl keiner erklären! :-P

  5. Gravatar Icon 5 lysis 05. Dezember 2008 um 15:42 Uhr

    Ich glaube nicht, dass die „Verdrängung analer Lust“ auch nur eine minimale Rolle bei der Konstitution zeitgenössischer Homophobie spielt. Das ist Einbildung und rührt aus der Vermischung antiker Quellen mit der Gegenwart. Homophobe Menschen finden an Schwulen nicht erst den Akt des passiven Analverkehrs verurteilenswert, sie finden bereits das Küssen zweier Männer „eklig“, das im völligen Kontrast dazu in der Bibel noch eine fraglose romantische Leidenschaft darstellt („und sie küssten sich miteinander und weinten miteinander, David aber am allermeisten“ – 1 Sam 20:41, Luther). Es ist einfach ein Irrtum zu glauben, man könnte die Gründe für Homophobie eruieren, indem man Quellen aus einer Zeit vor mehr als 3.000 Jahre studiert, als in der Tat das einzige Beunruhigende an der Option zwischenmännlicher Lust in dem Gedanken bestand, dass sich ein erwachsener Mann dazu herablassen könnte, sich wie eine Frau in den Arsch ficken zu lassen. Diese Angst hat für unsere Gegenwart, die mit dem archaisierenden Wort „patriarchal“ komplett fehlbenannt wäre, keine reelle Bedeutung mehr — zumindest nicht für die Ablehnung von „Schwulen“ (ein Begriff übrigens … oder vielmehr eine soziale Rolle, die es in der Antike, über die du sprichst, nicht einmal ansatzweise gegeben hat).

    Archaisierende Antworten, die vielleicht für die Verhältnisse vor 5.000 Jahren angemessen waren, machen heute keinen Sinn mehr. Das haben die selbsternannten schwulen und feministischen Patriarchatskritiker, die mit ihrer Theoriebildung irgendwo in den 1970er Jahren hängen geblieben sind, leider bis heute nicht eingesehen. Schade!

  6. Gravatar Icon 6 lysis 05. Dezember 2008 um 18:13 Uhr

    Und nebenbei: Heteros machen heute ganz andere Schweinigeleien, als dass sie über deinen Posex mehr als gähnen könnten. Wegen einer bestimmten Sexualtechnik wird doch heute keiner mehr verächtlich gemacht! Da musst du schon eine Domina-Sexorgie mit osteuropäischen Prostituierten in Naziuniform auf Zelluloid bannen und mit Namen Mosley oder Ackermann heißen, damit die BILD-Zeitung darüber eine Zeile verliert. Es interessiert doch heute wirklich keinen Menschen mehr, was ganz normale Leute in ihren eigenen vier Wänden an sogenannten Perversionen unterhalten. Daran macht sich keine gesellschaftliche Sortierung fest. Das ist einfach eine falsche Analyse, die vielleicht vor 35 Jahren nachvollziehbar klang, als die Schwulenbewegung dichtete: „Die Unterdrückung der Homosexuellen ist ein Spezialfall der allgemeinen Sexualunterdrückung“, die aber seitdem jede Plausibilität verloren hat.

    In der Antike war Sex mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen durchdrungen. Als Mann in der Lust passiv oder unkontrolliert zu sein, hieß, seinen gesellschaftlichen Stand zu gefährden. Heute ist das pure Privatsache, und keiner dieser Männer büßt seine soziale Autorität ein, wenn er in seiner Freizeit zu einer Domina geht, die ihn fesselt, prügelt, auf ihm reitet wie auf einem Hund, über ihm uriniert oder ihm hinten einen Dildo reinschiebt. Guck dir doch mal einen Hetero-SM-Porno an, Mensch! Da kannst du mit deinem Blümchen-Posex gar nicht mithalten.

  7. Gravatar Icon 7 Thommen 06. Dezember 2008 um 10:45 Uhr

    Ich nehme Dir Deine Ansichten ja nicht weg. Also mach hier nicht auf ideologischen Terror! :-P

  1. 1 Anonymous Trackback am 28. November 2008 um 16:14 Uhr
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