Tag-Archiv für 'deutschland'

Die Exekution des Volkszorns

„Gewiss, ganz Europa ist eine stinkende Kloake, aber Deutschland bleibt unangefochten ihre Hauptzufuhr.“ (Café Morgenland)

Maskuliner Michael, femininer Mustafa

Irgendwie erheiternd: bei der Recherche nach Diskursen über
„türkische Maskulinitäten“ bin ich prompt bei diesem Text (PDF!) gelandet. Es handelt sich um „Unterrichtsmaterialien für ein Interkulturelles Training“, veröffentlicht von der TU Braunschweig:

Die Ausprägung von Maskulinität ist in der Türkei mit einem Wert von 45 deutlich geringer als in Deutschland bei einem Wert von 66. […] Merkmale für eine stärkere feminine Ausprägung der türkischen Gesellschaft sind die Betonung des Familienlebens gegenüber der Arbeit. Die Arbeit wird nicht als das einzig Wahre angesehen, sondern das Familienleben hat daneben durchaus eine ähnlich große Bedeutung. Auch die Höherschätzung von persönlichen Beziehungen gegenüber sachlichen Fähigkeiten oder monetären Vorteilen sind ein Merkmal von geringerer Ausprägung von Maskulinität. Und letztendlich ist die Bevorzugung von Familienmitgliedern bzw. Bekannten oder Freunden gegenüber fachlich besser Qualifizierten aber Unbekannten ebenfalls ein Merkmal von femininer Ausprägung im Sinne der Kulturdimensionen nach Hofstede.

Aber auch in Istanbul wird geprotzt: „Die türkische Kultur hat einen Hang zur Femininität“. Haha, ihr Weicheier! ;)

Heim ins Reich mit Janne F.?

Vorletztes Jahr wäre der Schöneberger CSD schon beinahe unter dem Motto „Einigkeit und Recht und Freiheit“, dem ersten Vers der deutschen Nationalhymne, durchs Brandenburger Tor marschiert. Solche nationalistischen Integrationsstrategien prägen auch einen lesbisch-schwulen Think Tank in Berlin, der sich die Wiedererrichtung des von Magnus Hirschfeld gegründeten „Instituts für Sexualwissenschaft“ zum Ziel gesetzt hat. Radio Z beleuchtet in einem Feature aus dem Jahr 2006 die Kontroverse, die das dümmlich-reaktionäre Bekenntnis zu Volk und Nation glücklicherweise auch in der Berliner Republik noch auszulösen in der Lage ist. Es diskutieren Jan Feddersen – der als offen schwuler Redakteur der taz seit Jahren für einen neuen deutschen Nationalismus auf Kosten der hier lebenden MigrantInnen wirbt – und seine Kritikerin Antke Engel vom lesbisch-feministischen Forschungsnetzwerk LFQ:

Freiheit für Serkan und Spyros

Serkan hat keine Chance!

Mit Islamophobie contra Homophobie?

„Rausch und Religion“, so der Schwerpunkt der neuen Arranca, in der sich ein Artikel u.a. auch dem Verhältnis von Islamophobie und Homophobie widmet:

Im klassischen Arabisch gibt es kein Wort für „Schwuler“ und trotzdem ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass wohl nahezu die Hälfte aller klassischen arabischen Liebesgedichte von männlichen Autoren für Personen ihres eigenen Geschlechts verfasst wurden. Dies galt selbst den Frömmlern nicht als anrüchig – auch wenn sie den Akt des Analverkehrs für eine schwere Sünde hielten. Als der marokkanische Gelehrte Muhammad al-Saffar in den 1840er Jahren Paris besuchte, stellte er verwundert fest: „Tändeleien, Romanzen und Umwerbungen finden bei ihnen [den Franzosen] nur mit Frauen statt, denn sie tendieren nicht zu Knaben oder jungen Männern. Vielmehr gilt ihnen das als extrem schändlich.“

Von da betrachtet erscheint es wie eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet arabische und türkische Muslime heute dafür herhalten müssen, Europäer_innen eine Selbstrepräsentation als tolerante Anwält_innen der „Homosexuellen“ zu ermöglichen, die sie in einem jahrhundertelangen Normalisierungsprozess doch überhaupt erst als distinkte „Minderheit“ produziert und ausgesondert haben.

(Den ganzen Artikel lesen …)

Dazu passend ein aktueller Veranstaltungshinweis:

Der „homophobe Moslem“ — eine deutsche Vedrängungsleistung

Im „Muslim-Fragebogen“, den die baden-württembergische Landesregierung 2005 entwickelte, wird die Toleranz gegenüber Homosexuellen zu jenen „westlichen Werten“ gezählt, die man von muslimischen EinwanderInnen potentiell bedroht sieht. Das überrascht – gerade aus dem Munde der CDU, die nach dem Krieg nicht einmal davor zurückschreckte, den „Homosexuellenparagraphen“ 175 in seiner verschärften Nazi-Fassung zu übernehmen, um das Lebensglück zehntausender Schwuler systematisch zu zerstören. Eine kollektive Amnesie scheint sich über die Geschichte der Homophobie in Deutschland und dem Westen ausgebreitet zu haben.

Doch auch die Wahrnehmung der Gegenwart ist davon affiziert. So heißt es in Punkt 29 des Muslim-Fragebogens: „Stellen Sie sich vor, Ihr volljähriger Sohn kommt zu Ihnen und erklärt, er sei homosexuell und möchte gerne mit einem anderen Mann zusammen leben. Wie reagieren Sie?“ Vermutlich nicht anders als 80 Prozent der deutschen Männer, die in einer repräsentativen Emnid-Umfrage von 2001 angaben, sie hätten „Probleme mit einem eigenen lesbischen oder schwulen Kind“.

Dass es sich bei dem Diskurs über „homophobe Moslems“ um einen einzigartigen Verdrängungsakt handelt, in dem sich die deutsche Gesellschaft nicht nur ihrer Vergangenheit, sondern auch der Wahrheit über ihre Gegenwart entledigt, darum soll es an diesem Abend gehen.

Termin: Di, 06.11.2007, 18:00 Uhr
Ort: Halle, Melanchthonianum, HS C