Tag-Archiv für 'gay-studies'

(De)Gaying Abraham

In den letzten Jahren wurde das Gerücht immer lauter, dass der amerikanische Bürgerkriegs-Präsident Abraham Lincoln womöglich „schwul“ gewesen sei. Oder wie der Dichter Carl Sandburg bereits 1926 andeutete: „Ein Streifen lila durchzog ihn.“ In seinem Buch Love Stories : Sex Between Men Before Homosexuality erklärt der an Foucault geschulte Historiker Jonathan Katz, warum er mit solchen retrospektiven Kategorisierungen nicht einverstanden ist und sie für alles andere als befreiend hält: (mehr…)

Arrested Development

Sexuality and Its Discontents: Meanings, Myths and Modern Sexualities Einer der wenigen schwulen Intellektuellen, die in den 80er Jahren noch glaubten, aus der Psychoanalyse etwas „herausholen“ zu können, war Jeffrey Weeks, der sie in eklektischer Weise mit Foucault und dem Marxismus zu verbinden suchte. Gleichwohl liest sich seine Zusammenfassung Freuds und des ‚Freudianismus‘ kaum weniger kritisch als die von Jonathan Katz, der bereits damals als einer der prononciertesten schwulen Gegner der Psychoanalyse galt. Dass sich Katz und Weeks, was ihre ablehnende Darstellung von Freuds Heteronormativität angeht, in Wahrheit nicht sonderlich unterschieden, wird an folgendem Ausschnitt aus Weeks‘ Theorieband Sexuality and Its Discontents (1985) deutlich, den man, obwohl es eine Apologie sein soll, genauso gut als versuchte Erledigung auffassen könnte:

The reaction to Freud has been shaped by the impact of ‚Freudianism‘. Given an ambiguous inheritance, contemporary gay politics has, unlike the modern feminist movement, displayed little positive interest in psychoanalysis. Whereas a number of modern feminists have attempted to use concepts derived from a reading of the Freudian tradition to theorise patriarchy, the psychological characteristics of masculinity and femininity, individual psychic differences, or the reproduction of motherhood, with few (usually European) exceptions most theorists of gay politics have either rejected the Freudian tradition totally or have resorted to ad hoc appropriations which have often served to conceal rather than clarify contemporary problems. (mehr…)

Die Psychoanalyse: Von der Methode zum Objekt

Obwohl Sigmund Freud „die Frau“ in der Tradition von Aristoteles und Thomas von Aquin als mas occasionatus, d.h. als verunglückten Mann, bestimmte, hat der Mainstream des Feminismus die Psychoanalyse nicht einfach weggeworfen, sondern durchgearbeitet und schließlich in seinen theoretischen Corpus integriert. Die ursprüngliche Ablehnung durch Kate Millet, welche Freud 1970 als Speerspitze der sexuellen Konterrevolution attackiert hatte, wurde in den 80er Jahren durch die Rezeption der Schriften der französischen Frauengruppe Psychoanalyse et Politique allmählich ins Gegenteil verkehrt.

In der Schwulenbewegung verlief die Entwicklung allerdings genau andersherum. Während, was den theoretischen Rahmen anbelangt, in den 70er Jahren mit Guy Hocquenghem und dem bis heute publizierenden Leo Bersani die Wahl zunächst auf die Psychoanalyse gefallen war, wurde diese scheinbar produktive Auseinandersetzung in den 80er Jahren abrupt beendet. Die damals entstehenden gay studies entschieden sich, anders als die women’s studies, schließlich gegen eine Identifikation mit dem „Aggressor“ Freud. Nicht Bersani und Hocquenghem, sondern Foucault und McIntosh hießen die Vorbilder des neuen Faches — und damit zwei dezidiert antipsychologische Ansätze. Die Psychoanalyse geriet so von der Rolle des Methodengebers in die des historischen Objekts, dessen Machtwirkungen auf die gesellschaftlichen Lebensformen kritisch in den Blick genommen wurden. Beispielhaft steht hierfür das Werk The Invention of Heterosexuality (1995) von Jonathan Katz, in dem es über die Freudsche Psychoanalyse heißt: (mehr…)