Tag-Archiv für 'heterosexuality'

Tolerante Scheißdeutsche III: gereizt bis gewalttätig

These 5: Die „passagere“ Homosexualität von Jungen ist eine verschwindende Verhaltensform.

Alle empirischen Studien von Kinsey (1948) bis Clement (1986) zeigen, daß eine bedeutende Minderheit von Jungen in Pubertät und Adoleszenz zeitweise homosexuelle Kontakte hatte. In den letzten 20 Jahren sind solche Erfahrungen bei den 16- und 17-jährigen von 18% auf 2% zurückgegangen. […] Zwar haben Jungen durchaus liberale Einstellungen zur Homosexualität, aber nur solange sie selber damit nichts zu tun haben oder davon „berührt“ werden. So behauptet die überwiegende Mehrheit, daß es ihre Freundschaft zu einem guten Freund nicht belasten würde, wenn sie erfahren würden, daß er homosexuell sei, setzen aber schnell hinzu, daß der andere „nichts von mir wollen“ darf. Weiterhin reagieren Jugendliche gereizt bis gewalttätig auf Flirtversuche und „Anmache“ homosexueller Männer.

Die liberalere und offenere Haltung zur Homosexualität (die, wie gesagt, begrenzt ist und für die meisten spätestens bei der eigenen Sexualität aufhört) bedingt somit paradoxerweise eine Tabuierung gleichgeschlechtlicher Verhaltensweisen bei denjenigen Jungen, die sich (noch) nicht für homosexuell halten.

Aus: Gunter Schmidt (Hrsg.), Jugendsexualität : Sozialer Wandel, Gruppenunterschiede, Konfliktfelder (Stuttgart : Enke, 1993), 3.

Schmidt (Hrsg.), Jugendsexualität, S. 35.

Selber schuld!

Die Schweizer Weltwoche über Aids und warum das nur Schwule und „Neger“ was angeht.

Only Hetero And Homo Acts

Gore Vidal (1948) Ich hab mir mehrfach überlegt, ob ich den folgenden Text wirklich posten will. Eigentlich ein bisschen zu undifferenziert, dachte ich mir. Aber dann las ich eine mit psychoanalytischen Phrasen nur so vollgestopfte Polemik gegen Judith Butler (der ich persönlich nicht anhänge) und habe sämtliche Hemmungen verloren. Gore Vidal — Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor, Essayist und eine der berühmtesten linken und schwulen Ikonen der USA — kotzt sich in seinem Vorwort zu Jonathan Katz‘ The Invention of Heterosexuality einmal ordentlich über Freud aus:

As the Freudian gulag finally implodes like the former Yugoslavia, it is heartening that the learned and constitutionally irreverent Jonathan Ned Katz should be on hand to drive, as it were, a wooden stake through the expiring gulag’s heart. Heterosexuality, a weird concept of recent origin but terrible consequences, is, of course, central to those very strange notions of human sexuality with which Freud and his apostles saddled us for a century. (mehr…)

Die Psychoanalyse: Von der Methode zum Objekt

Obwohl Sigmund Freud „die Frau“ in der Tradition von Aristoteles und Thomas von Aquin als mas occasionatus, d.h. als verunglückten Mann, bestimmte, hat der Mainstream des Feminismus die Psychoanalyse nicht einfach weggeworfen, sondern durchgearbeitet und schließlich in seinen theoretischen Corpus integriert. Die ursprüngliche Ablehnung durch Kate Millet, welche Freud 1970 als Speerspitze der sexuellen Konterrevolution attackiert hatte, wurde in den 80er Jahren durch die Rezeption der Schriften der französischen Frauengruppe Psychoanalyse et Politique allmählich ins Gegenteil verkehrt.

In der Schwulenbewegung verlief die Entwicklung allerdings genau andersherum. Während, was den theoretischen Rahmen anbelangt, in den 70er Jahren mit Guy Hocquenghem und dem bis heute publizierenden Leo Bersani die Wahl zunächst auf die Psychoanalyse gefallen war, wurde diese scheinbar produktive Auseinandersetzung in den 80er Jahren abrupt beendet. Die damals entstehenden gay studies entschieden sich, anders als die women’s studies, schließlich gegen eine Identifikation mit dem „Aggressor“ Freud. Nicht Bersani und Hocquenghem, sondern Foucault und McIntosh hießen die Vorbilder des neuen Faches — und damit zwei dezidiert antipsychologische Ansätze. Die Psychoanalyse geriet so von der Rolle des Methodengebers in die des historischen Objekts, dessen Machtwirkungen auf die gesellschaftlichen Lebensformen kritisch in den Blick genommen wurden. Beispielhaft steht hierfür das Werk The Invention of Heterosexuality (1995) von Jonathan Katz, in dem es über die Freudsche Psychoanalyse heißt: (mehr…)

Dschungel-Homophobie

Die „linke“ Wochenzeitung Jungle World überschlägt sich gerade mal wieder vor lauter Homophobie. Durfte Henryk M. Broder in der letzten Ausgabe beklagen, dass das deutsche Volk kein Immunsystem (!) gegen Homos wie Hella von Sinnen und Dirk Bach mehr hätte, ihm also, auf gut Teutsch, das „gesunde Volksempfinden“ abhanden gekommen wäre, erklärt uns Thomas Uwer jetzt, wie Sex zwischen Jungen im Nordirak einzuordnen sei, nämlich als bloße Ersatzhandlung:

Dabei ist Sex unter Männern bzw. Jungen weder ungewöhnlich noch selten im kurdischen Nordirak. In den meisten Fällen ist er schlicht die einzig mögliche Form zwischenmenschlicher Sexualität und wird als »Ersatzhandlung« oft geduldet. Geschlechtliche, oft schon freundschaftliche Kontakte zwischen Jungen und Mädchen unterliegen hingegen einem absoluten Tabu […]

Es ist die alte, homophobe, aus der Sexualwissenschaft von Krafft-Ebing übernommene Unterscheidung zwischen „echter“ und sog. Pseudohomosexualität, die hier ein weiteres Mal aufgefahren wird, um schwulen Sex als nicht gleichwertige Variante menschlicher Lust zu disqualifizieren. Heute findet sich diese Differenzierung eigentlich nur noch in christlich-konservativen Kreisen, etwa bei Anhängern der sog. Reparativen Therapie — und natürlich in der Jungle World! (mehr…)