Tag-Archiv für 'psychoanalyse'

Homophobie als „moral insanity“

ondamaris zitiert und übersetzt pinknews:

Homophobie ist eine “perverse Krankheit”. Sagt Brasiliens Staatspräsident Lula, bei der Eröffnung der “Ersten Nationalen Konferenz von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transvestiten und Transsexuellen” letzte Woche.

Lula betonte, er werde “alles unternehmen was möglich ist, um Zustimmung für die Kriminalisierung von Homophobie zu erreichen sowie die zivile Partnerschaft” einzuführen.

Brasiliens Staatspräsident Lula bezeichnete Homophobie zudem als “die perverseste Krankheit, die in den menschlichen Kopf imprägniert wurde”.

Da freuen sich Lesben und Schwulen natürlich drüber, aber man sollte doch bedenken, dass Lula in seinen Äußerungen, die die Struktur klassischer Lesben- und Schwulenfeindlichkeit nachahmen, einfach nur „Homosexualität“ gegen „Homophobie“ ausgetauscht hat. Jetzt ist auf einmal Homophobie eine „perverse Krankheit“, und zwar paradoxerweise eine, die nicht bloß geheilt, sondern gleichzeitig bestraft werden muss. (Oder ist die Strafe selbst schon die Therapie?)

Was ich dagegen einzuwenden habe, hab ich hier bereits geschrieben: (mehr…)

Das letzte Relikt

Die Psychoanalyse ist das letzte Relikt einer untergegangenen Epoche der Humanforschung, der Ära der Rassenhygiene, der biologistischen Sexualwissenschaft und deterministischen Geschlechtsnormierung mit dem Ziel der „Volksaufartung“.

Aus: Florian Mildenberger, „Freudsche Fehltritte“.

Die Psychoanalyse als Strafvollzugsorgan

Mit der Psychoanalyse bin ich noch nicht ganz fertig. Bemerkenswert finde ich zuletzt, wie freimütig sich Analytiker dem Staat als Agenturen der sozialen Kontrolle zur Verfügung stellten, während sie gleichzeitig mit dem Anspruch hausieren gingen, sich — im Unterschied zum bösen Behaviorismus — der Emanzipation des Individuums verschrieben zu haben. Wikipedia dazu:

Der Aufstieg der Psychoanalyse popularisierte die Idee von Homosexualität als Krankheit. Dies vergrößerte die Zahl von Homosexuellen, die in Irrenanstalten und Gefängnissen untergebracht wurden. Forscher versuchten, eine Reihe von Therapien zu benutzen, um Homosexualität zu „heilen“, einschließlich Aversionstherapie, Übelkeit erregende Drogen, Kastration, Elektroschocks, Hirnchirurgie und Brustamputationen.

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„Our century has a passion for categorizing love“

Es wäre einmal interessant herauszufinden, wie die krass differierende Bewertung der Psychoanalyse bis heute in das konfliktgeladene Dreiecksverhältnis zwischen gay, lesbian und feminist studies hineinspielt. Die weit bejahendere Haltung des (Post)Feminismus zu Freud und Lacan schlägt sich jedenfalls auch darin nieder, dass es heute weit mehr Publikationen zum Thema Lesbianismus und Psychoanalyse gibt als solche zum Verhältnis von Psychoanalyse und männlicher Homosexualität. Doch es existieren natürlich auch eine Reihe lesbischer Autorinnen, die die Lehre des Wiener Arztes nicht als anzueignende Methode, sondern, in der Sprache Foucaults: als einen „Macht-Wissen-Komplex“ begreifen, dessen Wirkungen auf weibliche Subjektivitäten historisch zu untersuchen sind. Und kaum jemandem ist das so eindringlich gelungen wie Lilian Faderman in ihrem erstmals 1981 erschienenen Werk Surpassing the Love of Men, das 1992 vom Lambda Literary Review verdientermaßen in die Anthologie der „100 besten lesbisch/schwulen Bücher des 20. Jahrhunderts“ aufgenommen wurde: (mehr…)

Arrested Development

Sexuality and Its Discontents: Meanings, Myths and Modern Sexualities Einer der wenigen schwulen Intellektuellen, die in den 80er Jahren noch glaubten, aus der Psychoanalyse etwas „herausholen“ zu können, war Jeffrey Weeks, der sie in eklektischer Weise mit Foucault und dem Marxismus zu verbinden suchte. Gleichwohl liest sich seine Zusammenfassung Freuds und des ‚Freudianismus‘ kaum weniger kritisch als die von Jonathan Katz, der bereits damals als einer der prononciertesten schwulen Gegner der Psychoanalyse galt. Dass sich Katz und Weeks, was ihre ablehnende Darstellung von Freuds Heteronormativität angeht, in Wahrheit nicht sonderlich unterschieden, wird an folgendem Ausschnitt aus Weeks‘ Theorieband Sexuality and Its Discontents (1985) deutlich, den man, obwohl es eine Apologie sein soll, genauso gut als versuchte Erledigung auffassen könnte:

The reaction to Freud has been shaped by the impact of ‚Freudianism‘. Given an ambiguous inheritance, contemporary gay politics has, unlike the modern feminist movement, displayed little positive interest in psychoanalysis. Whereas a number of modern feminists have attempted to use concepts derived from a reading of the Freudian tradition to theorise patriarchy, the psychological characteristics of masculinity and femininity, individual psychic differences, or the reproduction of motherhood, with few (usually European) exceptions most theorists of gay politics have either rejected the Freudian tradition totally or have resorted to ad hoc appropriations which have often served to conceal rather than clarify contemporary problems. (mehr…)